top of page

Warum sagen wir "die Klappe halten"?

  • Autorenbild: Carmen Heller
    Carmen Heller
  • vor 9 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Ein Sprichwort aus dem mittelalterlichen Kirchenalltag


Detail eines barocken Chorgestühls mit klappbaren Holzsitzen im Gurker Dom
Chorgestühl im Gurker Dom aus dem 17. Jahrhundert mit klappbaren Holzsitzen im Chorraum (Foto: © Carmen Heller)

Viele Redewendungen begleiten uns ganz selbstverständlich durch den Alltag. Wir verwenden sie, ohne darüber nachzudenken, woher sie eigentlich kommen.


Auch der Ausdruck „die Klappe halten“ gehört dazu. Was heute eine schroffe Aufforderung ist, könnte seinen Ursprung im Kirchenraum des Mittelalters haben.



„Die Klappe halten“ im Mittelalter – so könnte es gewesen sein


Friesach, anno 1187: Der Chorraum der Stiftskirche St. Bartholomäus liegt im Halbdunkel. Kerzenlicht flackert über das Holz des Chorgestühls. Die Geistlichen stehen in ihren Reihen, das Stundengebet hat begonnen. Gesang erfüllt den Raum, gleichmäßig, getragen. Die Zeit vergeht langsam. Die Beine werden schwer.

Dann ein kurzes Geräusch. Holz schlägt auf Holz. Zu laut für diesen Ort.

Ein Sitz ist unachtsam heruntergeklappt. Ein mahnender Blick geht durch die Reihen.



Wenn die "Klappe" fällt


Im Chorraum mittelalterlicher Kirchen befand sich das Chorgestühl, das den Geistlichen vorbehalten war. Hier wurde das tägliche Stundengebet verrichtet, sowohl in Klöstern als auch in Stifts- und Kollegiatkirchen.


Das Stundengebet, das sogenannte Offizium, strukturierte den Tag und verlangte Disziplin. Längere Passagen wurden im Stehen verrichtet, als Ausdruck von Sammlung und innerer Haltung.


Die Sitze im Chorgestühl waren klappbar. Auf der Unterseite befanden sich kleine Stützen, sogenannte Misericordien. Der Begriff leitet sich vom lateinischen misericordia ab und bedeutet „Barmherzigkeit“. Sie ermöglichten es, sich beim Stehen unauffällig anzulehnen und die Beine zu entlasten.


Doch diese Konstruktion hatte ihre Tücken. Wenn ein Sitz unachtsam herunterklappte, schlug er hörbar auf und durchbrach die Stille des Gebets.

In einem Raum, der von Ordnung und Konzentration geprägt war, fiel ein solches Geräusch sofort auf.


So liegt die Vorstellung nahe, dass man zur Ruhe ermahnt wurde:

Man sollte besser die Klappe halten.



Vom Kirchenraum in die Alltagssprache


Ob der Ausdruck tatsächlich genau hier entstanden ist, lässt sich sprachgeschichtlich nicht eindeutig belegen. „Klappen“ gab es in vielen Bereichen des Alltags, und auch dort konnten sie Geräusche verursachen.


Die Verbindung mit dem Chorgestühl gehört jedoch zu den anschaulichsten Erklärungen. Sie zeigt, wie eng Sprache und Lebenswelt miteinander verbunden sind.


Selbst scheinbar alltägliche Worte können Spuren vergangener Zeiten in sich tragen.



Über die Autorin


Carmen Heller ist Historikerin und Germanistin und lebt und arbeitet in Friesach. Mit ihrem Unternehmen Wortkultur – Geschichte aus Leidenschaft vermittelt sie regionale Geschichte in Führungen, Texten und Bildungsangeboten.


Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Mittelalter, auf Kirchen und Klöstern sowie auf der Alltagsgeschichte vergangener Zeiten.


Führungsangebote entdecken unter FÜHRUNGEN & TOUREN.

Kommentare


Portraitfoto schwarz-weiß von Carmen Heller

Über mich

Ich bin die Inhaberin des Unternehmens und der Website Wortkultur. Als Expertin für Kultur und Bildung stehe ich Ihnen für die Erstellungen von Texten und Konzepten zu Verfügung. Meine Schwerpunkte sind Content Marketing und Kulturvermittlung. Auf meiner Website gibt es auch einen Blog, auf dem ich regelmäßig Fachartikel und Aktuelles aus der Branche veröffentliche.

Newsletter

Abonnieren und exklusive Updates erhalten

Vielen Dank für das Abonnement! In deiner Mailbox wartet ein Bestätigungs-E-Mail auf dich.

© 2025 Wortkultur MMag. phil. Carmen Heller BA

bottom of page