
An den Pranger gestellt: Redewendung, Mittelalter und Geschichte in Friesach erleben
- Carmen Heller
- vor 1 Tag
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Inhaltsverzeichnis
Friesach, anno 1450: Eine Szene am Pranger
Friesach im 15. Jahrhundert. Auf dem Hauptplatz drängen sich die Menschen. In der Mitte, an einem hölzernen Pranger, steht ein Mann, angekettet und schutzlos. Um seinen Hals hängt ein Schild: „Dieser hat gestohlen.“
Gelächter und Spott hallen durch die Gassen. Kinder werfen mit faulen Äpfeln, Frauen tuscheln, Männer rufen Hohn. Eier fliegen, Schläge treffen, Speichel rinnt über das Gesicht des Delinquenten. Die Strafe ist nicht nur körperlich, sondern vor allem seelisch: eine öffentliche Bloßstellung vor der ganzen Stadt.
Aus solchen Szenen hat sich die Redewendung „jemanden an den Pranger stellen“ entwickelt. Sie bedeutet bis heute, eine Person öffentlich zur Rede zu stellen oder scharf zu kritisieren.

Was bedeutet die Redewendung?
Wer „an den Pranger gestellt“ wird, erfährt keine Kritik im Hintergrund, sondern steht im grellen Licht der Öffentlichkeit. Der Ursprung liegt im Mittelalter, wo Strafe stets auch Gemeinschaft bedeutete: Alle sollten sehen, hören und sich erinnern.
Der Pranger im Mittelalter und in Friesach
Pranger kamen vom Mittelalter bis in die Neuzeit zum Einsatz. Sie wurden an zentralen Orten errichtet – Marktplätzen, Rathausplätzen oder Kirchhöfen – dort, wo die Strafe niemandem entging.
Langfristige Gefängnisstrafen waren selten und teuer. Stattdessen setzte man auf sichtbare Maßnahmen wie den Pranger, die für alle erfahrbar waren. Wo der Friesacher Pranger im Mittelalter genau stand, ist nicht bekannt. Heute erinnert ein Nachbau am wasserführenden Stadtgraben bei der Bäckertauche an diese Praxis.
Bei meinen Stadtführungen bleibe ich hier mit Gästen regelmäßig stehen. Der Pranger zieht sofort Aufmerksamkeit auf sich, weil er anschaulich macht, wie sehr Recht und Alltag ineinandergriffen.

Ehre als soziales Kapital
Im Mittelalter war Ehre weit mehr als ein persönliches Empfinden. Sie war das wichtigste soziale Kapital. Wer Ehre besaß, konnte auf Vertrauen, Ansehen und Rechte in der Gemeinschaft bauen. Wer sie verlor, verlor zugleich seinen Status und geriet ins gesellschaftliche Abseits.
„Wer die Ehre verliert, der ist aller Rechte bar.“ – Sachsenspiegel, um 1225
Schandstrafen wie der Pranger zielten deshalb nicht nur auf die körperliche Demütigung ab, sondern auf den sozialen Tod. Sie machten den Ehrverlust für alle sichtbar und wirkten oft schwerer als eine Geldbuße oder körperliche Strafe.
Unter Joseph II. wurden die Prangerstrafen in Österreich 1787 endgültig abgeschafft. Damit verschwand eine Form der Rechtspraxis, die auf Erniedrigung und öffentlicher Schande beruhte.
Vom Pranger zum digitalen Shitstorm
Auch wenn Pranger und Schandmasken heute Geschichte sind, die Redewendung lebt weiter. Moderne Formen öffentlicher Verurteilung gibt es längst: Ein Shitstorm in sozialen Medien funktioniert nach demselben Prinzip. Kritik wird vor den Augen einer großen Gemeinschaft geäußert, und die Wirkung auf Ruf und Ehre kann ebenso zerstörerisch sein.
Der digitale Pranger zeigt, dass das Bedürfnis nach öffentlicher Sanktion tief in unserer Kultur verwurzelt ist – auch wenn die Formen sich gewandelt haben.
Über die Autorin
Ich bin Carmen Heller, Historikerin, Kulturvermittlerin und Gründerin von Wortkultur. Sprache und Geschichte miteinander zu verweben ist meine Leidenschaft – ob in meinen Stadtführungen durch Friesach oder in meinen Blogartikeln. Denn Redewendungen wie „jemanden an den Pranger stellen“ zeigen eindrücklich, wie sehr unsere Sprache vom Mittelalter geprägt ist.
Wenn du neugierig geworden bist: In meinen Stadtführungen erzähle ich noch mehr Geschichten über Sprache, Recht und Alltag im Mittelalter – direkt an den Originalschauplätzen in Friesach.
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