Martinstag Kärnten
- Carmen Heller

- 6. Nov. 2025
- 9 Min. Lesezeit
Geschichte, Brauchtum und Martinskirchen
Inhaltsverzeichnis
Eine Kindheit mit Laterne
Wenn im November der Nebel durch die Gassen zieht, das Licht früh erlischt und die Tage merklich kürzer werden, beginnt für mich eine der stimmungsvollsten Zeiten im Jahr. Der Martinstag war in meiner Kindheit immer etwas Besonderes. Im Kindergarten und in der Schule bastelten wir Laternen, probten Lieder und zogen am 11. November gemeinsam durch den Ort. Vorneweg ritt der Heilige Martin in rotem Umhang auf einem Pferd, gefolgt von uns Kindern, die wir die bunten Lichter in der Dämmerung trugen. Noch heute klingt mir das Lied im Ohr:
„Ich geh mit meiner Laterne
und meine Laterne mit mir.
Dort oben leuchten die Sterne
und unten, da leuchten wir.
Mein Licht ist aus,
ich geh nach Haus,
rabimmel, rabammel, rabumm.“
Als Kind war der Laternenumzug vor allem ein fröhliches Spiel, und der heilige Martin schlicht ein guter Mann. Heute weiß ich, dass dieses Fest auf eine lange Geschichte zurückgeht und tief in Religion, Volkskultur und dem bäuerlichen Jahreslauf verankert ist.

Martinstag Kärnten – gelebtes Brauchtum zwischen Alltag und Jahreslauf
Der Martinstag war im bäuerlichen Jahr ein wichtiger Wendepunkt. Er galt als Pacht- und Zahltag, an dem Knechte und Mägde entlohnt, Pachten bezahlt und Gänse geschlachtet wurden. Kinder und Landarbeiter zogen mit Liedern von Haus zu Haus und erhielten kleine Gaben.
Mit dem 11. November begann zugleich die Fastenzeit vor Weihnachten – also wurde vorher noch einmal kräftig gefeiert.
Dass Martin nicht an seinem Todestag (8. November), sondern am 11. November gefeiert wird, hängt wohl damit zusammen, dass dieser Tag schon früh ein Bauernfeiertag war: ein zweites Erntedankfest mit neuem Wein, Lohnzahlungen und Markttrubel.
So verband sich kirchliche Verehrung mit bäuerlichem Brauchtum. Aus der Pachtgans wurde die Martinsgans, und der Tag wurde zum Symbol für Teilen, Dank und Neubeginn – das letzte große Fest vor dem Winter.
Der heilige Martin von Tours – geteilte Wärme
Martin von Tours (um 316–397) gehört zu den bekanntesten Gestalten der Spätantike – und zu jenen, bei denen sich Geschichte und Legende kaum mehr trennen lassen. Sicher ist: Martin war der Sohn eines römischen Offiziers, wuchs in Pavia auf und trat selbst in den Militärdienst ein. Schon früh fühlte er sich vom Christentum angezogen, ließ sich später taufen und schloss sich dem Bischof Hilarius von Poitiers an.
Als Mönch gründete er in Ligugé bei Poitiers eines der ersten Klöster Galliens, später lebte er in Marmoutier bei Tours. 372 wurde er – gegen seinen eigenen Willen – zum Bischof von Tours gewählt. Er blieb ein Mann der Einfachheit, reiste zu Fuß oder auf einem Esel, besuchte Kranke und unterstützte Arme.
Um diesen historischen Kern wuchsen bald zahlreiche Erzählungen. Die bekannteste ist die der Mantelteilung: Martin, noch als Soldat in Amiens, begegnet einem frierenden Bettler, zieht sein Schwert, teilt seinen Mantel und schenkt ihm die Hälfte. In der folgenden Nacht erscheint ihm Christus im Traum – bekleidet mit eben dieser Mantelhälfte.
Als Martin 397 in Candes starb, war er bereits weit über die Grenzen Galliens hinaus verehrt. Seine Beisetzung am 11. November machte Tours zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte des Mittelalters. Aus dem lateinischen cappa – dem Mantel, der in der Hofkirche der fränkischen Könige aufbewahrt wurde – leiteten sich später die Wörter Kapelle und Kaplan ab.
Martin wurde zum Patron der Armen, Wanderer, Soldaten und Winzer, und seine Geschichte zum Sinnbild tätiger Nächstenliebe. Zwischen historischem Zeugnis und volkstümlicher Überlieferung entstand das Bild eines Heiligen, der Licht und Wärme in die dunkle Jahreszeit bringt.

Laternen, Feuer und die dunklen Nächte
Das Licht, das wir mit dem Martinsfest verbinden, hat auch ältere, vorchristliche Wurzeln. Feuer und Licht galten in der dunkler werdenden Zeit als Schutz gegen böse Geister und unheimliche Mächte. In manchen Gegenden entzündete man große Martinsfeuer oder zog Feuerkreise.
Die Lichter, die Kinder heute tragen, sind ein Echo dieser Bräuche – und zugleich ein starkes Symbol: Licht als Hoffnung, als Orientierung, als Wärme, wenn das Jahr sich neigt.
Martini leitet eine Schwellenzeit ein – die dunklen Nächte zwischen Allerheiligen, Kathrein und Thomasnacht. In dieser Übergangszeit vermischen sich christliches Totengedenken, Ahnenkult und alte Schutzrituale. Es ist eine Zeit des Innehaltens – zwischen dem, was war, und dem, was kommt.

Die Gans als Zeichen des Wandels
Der Martinstag fiel in Kärnten auch in die Schlachtzeit, jene Wochen, in denen Tiere geschlachtet und Vorräte für den Winter angelegt wurden. Die Gans war ein festliches Gericht und vielerorts Teil des Pachtzinses. Die Legende, wonach Martin sich im Gänsestall versteckte und durch das Schnattern verraten wurde, verleiht ihr zusätzlich symbolische Bedeutung.
Das Martinigansl war damit mehr als ein Braten – es stand für Abschied und Neubeginn, für das Ende des alten Arbeitsjahres und die Vorbereitung auf die ruhige, dunkle Zeit.

Martinskirchen in Mittelkärnten
Der heilige Martin hat nicht nur Feste, Bräuche und Speisen geprägt, sondern auch das Landschaftsbild. Kaum ein anderer Heiliger ist in Kärnten so häufig Namenspatron einer Kirche. Besonders in Mittelkärnten finden sich zahlreiche Martinskirchen – Zeugnisse einer frühen und tief verwurzelten Verehrung.
Pfarrkirche St. Martin am Krappfeld
Die Pfarrkirche von St. Martin am Krappfeld gehört zu den ältesten Martinskirchen Kärntens. Bereits um das Jahr 1000 bestand hier eine hölzerne Eigenkirche des Edlen Heimo, die 1075 vom ersten Gurker Bischof Günther von Krappfeld als steinerner Bau geweiht wurde.
Die im Kern romanische Kirche wurde in der Spätgotik erweitert und in der Barockzeit umgestaltet. An der Südseite erhebt sich ein gotischer Turm mit Pyramidendach, das Langhaus ist flachgedeckt, der erhöhte Chor mit einem Sternrippengewölbe versehen.
Der barocke Hochaltar von 1686 zeigt den heiligen Martin, flankiert von den Heiligen Ulrich und Nikolaus. An der Langhaussüdwand hängt ein um 1520 geschnitztes Kruzifix mit Leidenswerkzeugen, das vermutlich aus der Werkstatt des Meisters Caspar von Friesach stammt.

Pfarrkirche St. Martin in Feistritz ob Grades (Metnitz)
Etwas weiter nordwestlich, zwischen Metnitztal und Gurktal, liegt auf 1089 Metern Seehöhe die dem heiligen Martin geweihte Pfarrkirche von Feistritz ob Grades. Sie wurde um 1100 erstmals erwähnt und besitzt seit 1131 das Pfarrrecht – eine der ältesten Pfarren der Region.
Der Bau vereint romanisches Langhaus, spätgotischen Chor und barocke Vorhalle. Auffällig sind das Christophorusfresko aus dem späten 15. Jahrhundert und der Hochaltar von 1767, auf dem Martin als Bischof dargestellt ist, flankiert von weiteren Heiligen.
Südlich schließt der gotische Karner aus dem 14. Jahrhundert an, dessen Wandmalereien mit Passionsszenen und Heiligenfiguren zu den kunsthistorisch bedeutendsten im oberen Metnitztal zählen.
Pfarrkirche St. Martin in Diex
Weiter südöstlich erhebt sich die Pfarrkirche von Diex, eine der bedeutendsten Wehrkirchen Kärntens. Sie steht auf einem Felssporn oberhalb des Jauntals und ist dem heiligen Martin geweiht. Bereits im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt, war sie über Jahrhunderte Mittelpunkt des kirchlichen Lebens in der Region.
Die Anlage ist von einer mächtigen Wehranlage mit Zwinger und Doppelmauer umgeben, die im ausgehenden 15. Jahrhundert zum Schutz vor einfallenden Türken und Ungarn errichtet wurde. Der heutige Bau zeigt ein gotisches Langhaus mit barockem Hochaltar und Freskenresten aus dem 14. Jahrhundert.
Am Hochaltar ist der heilige Martin als Bischof dargestellt. Der Turm mit Spitzhelm prägt das Ortsbild, und vom ummauerten Kirchhof reicht der Blick weit über das Jauntal bis zu den Karawanken.

Filialkirche St. Martin in Karnberg (St. Veit/Glan)
Auch im Raum St. Veit begegnet man dem Martinskult. Nördlich des Ulrichsbergs liegt die Filialkirche St. Martin, eine Tochterkirche von Projern. Sie wurde 1407 erstmals erwähnt und steht inmitten eines ummauerten Friedhofs. Nahe der Kirche wird im Rahmen des Vierbergelaufs jedes Jahr eine Messe mit dem Bischof von Gurk gefeiert.
Der gotische Bau erhielt 1878 einen vorgestellten Westturm mit Spitzhelm. An der Nordfassade wurde 1998 ein spätgotisches Christophorusfresko freigelegt, im Westen ein Fresko des heiligen Martin aus dem 15. Jahrhundert.
Im Inneren gliedert eine Stichkappentonne das dreijochige Langhaus. Der Hochaltar um 1680 zeigt den heiligen Martin im Mittelbild, darüber die heilige Margarethe. Ein spätgotischer Flügelaltar um 1520 zeigt Maria mit Kind, flankiert von Katharina und Barbara; im Aufsatz steht der Kirchenpatron mit der Gans.


Filialkirche St. Martin am Silberberg
Südlich von Althofen, auf einer Anhöhe über dem Krappfeld, liegt die Filialkirche St. Martin am Silberberg. Sie wurde 1464 erstmals urkundlich erwähnt, geht jedoch vermutlich auf eine ältere, vielleicht romanische Vorgängerkirche zurück.
Der gotische Bau mit polygonalem Chor und Spitzbogenturm wurde im 17. und 18. Jahrhundert mehrfach verändert. Außen hat sich ein Christophorusfresko aus der Zeit um 1500 erhalten. Der Innenraum zeigt ein Netzrippengewölbe und barocke Ausstattungselemente.
Am Hochaltar steht der heilige Martin als Bischof mit dem Mantel, flankiert von weiteren Heiligenfiguren. Die erhöhte Lage der Kirche bietet einen weiten Blick über das Krappfeld – ein eindrucksvolles Beispiel spätmittelalterlicher Sakralarchitektur im ländlichen Raum.

Bauernregeln rund um Martini
Mit dem Martinstag verband sich seit jeher auch der Blick in die Zukunft. Als wichtiger Wendepunkt im bäuerlichen Jahr galt er als Lostag – ein Datum, an dem das Wetter gedeutet und die kommenden Monate vorausgesagt wurden.
„Martin reitet durch den Schnee – bleibt er aus, tut’s dem Bauern weh.“
„Wenn’s an Martini schneit, ist der Winter nicht mehr weit.“
„Wie’s Wetter an Martini war, so ist’s den ganzen Winter gar.“
Diese Bauernregeln erzählen von der Beobachtungsgabe früherer Generationen und vom Wunsch, den Lauf des Jahres zu verstehen und zu deuten.
Rezept: Martinigansl mit Apfel-Zwiebel-Fülle
Zum Fest des heiligen Martin gehört in vielen Regionen Kärntens die Gans – ein Brauch, der bis ins Mittelalter zurückreicht, als zu Martini der Zins fällig war und Gänse häufig als Naturalabgabe dienten.
Zutaten für 4–6 Personen:
1 Gans (ca. 4 kg)
Salz, Pfeffer, Majoran, Kümmel
3 säuerliche Äpfel
2 große Zwiebeln
etwas altbackenes Weißbrot (optional)
250 ml Wasser oder Rindsuppe
1 EL Mehl (für die Sauce)
Zubereitung:
Die Gans innen und außen gut waschen, trocken tupfen und kräftig mit Salz, Pfeffer, Majoran und Kümmel einreiben. Äpfel und Zwiebeln würfeln, mit etwas Brot vermengen und die Gans damit füllen. Mit Zahnstochern oder Küchengarn verschließen.
Bei 180 °C (Ober-/Unterhitze) etwa 3 Stunden im Bräter garen, regelmäßig mit Bratensaft übergießen. Für die Sauce den Bratensatz entfetten, mit Wasser oder Suppe aufgießen, mit Mehl leicht binden und abseihen.
Beilagen-Tipp: Rotkraut, Erdäpfelknödel, glasierte Maroni – und ein kräftiger Rotwein.

Fazit: Der Martinstag im Wandel
Der Martinstag markiert den Übergang vom Herbst zum Winter und verbindet religiöse, wirtschaftliche und volkskundliche Aspekte. Als Fest des heiligen Martin erinnert er an ein frühes Ideal christlicher Nächstenliebe, zugleich aber auch an den Rhythmus des bäuerlichen Jahres, an Pacht, Ernte und den Beginn der Winterzeit.
Viele Bräuche, die sich um diesen Tag entwickelt haben – Laternen, Feuer, Prozessionen und das Teilen der Gans – reichen in ältere, vorchristliche Vorstellungen von Licht und Erneuerung zurück. In ihnen spiegelt sich das Bedürfnis, den Wechsel der Jahreszeiten zu deuten und gemeinschaftlich zu gestalten.
So ist Martini bis heute mehr als ein Heiligengedenken: ein überlieferter Ausdruck des Zusammenlebens von Glaube, Natur und Kultur, der den Wandel der Zeit überdauert hat.
Literaturverzeichnis
Dehio-Handbuch Kärnten. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Hrsg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien: Berger, 2001.
Gleirscher, Paul: Heilige, Kirchen, Bräuche. Vom Mittelalter bis heute. Klagenfurt: Heyn, 2012.
Wienerroither, Wolfgang: Feste und Bräuche im Jahreslauf in Kärnten. Klagenfurt: Heyn, 1996.
Krenn, Franz: Brauchtum in Kärnten. Ursprung, Wandel und Bedeutung. Klagenfurt: Carinthia, 1985.
Lipp, Wolfgang: Der Heilige Martin von Tours. Legende, Geschichte und Bedeutung. Regensburg: Pustet, 2004.
Zender, Matthias: Martinsbrauch und Lichterfest. Beiträge zur europäischen
Volkskunde. Köln: Böhlau, 1988.
Über die Autorin
Carmen Heller ist Kulturvermittlerin, Geschichtenerzählerin und staatlich geprüfte Austria Guide. Mit Wortkultur macht sie Geschichte erlebbar – in Stadt- und Themenführungen, in Erzählformaten und in Texten, die historische Zusammenhänge lebendig und verständlich machen.
Ihr Schwerpunkt liegt auf der Kultur- und Alltagsgeschichte Kärntens, besonders auf dem Mittelalter. In ihrer Arbeit verbindet sie fundiertes Wissen mit persönlicher Leidenschaft und dem Wunsch, Geschichte mit allen Sinnen erfahrbar zu machen.



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