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Das Kranzelreiten in Weitensfeld – zwischen Sage und Geschichte

  • Autorenbild: Carmen Heller
    Carmen Heller
  • vor 18 Stunden
  • 12 Min. Lesezeit

Eine kulturhistorische Spurensuche


Kranzelreiter ziehen am Pfingstmontag auf geschmückten Pferden durch den Markt von Weitensfeld.
Kranzelreiter beim sog. Pestaustreiben © Manuella Trampitsch / Marktgemeinde Weitensfeld

1. Das Kranzelreiten in Weitensfeld als immaterielles Kulturerbe


Jedes Jahr zu Pfingsten wird in Weitensfeld im Gurktal ein Brauch lebendig, der weit über die Grenzen des Ortes hinaus bekannt ist: das Kranzelreiten. Seit 2016 gehört es zum Österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Damit steht nicht ein historisches Denkmal im Mittelpunkt, sondern eine Tradition, die von einer Gemeinschaft getragen, weitergegeben und bis heute ausgeübt wird.


In diesem Jahr rückt das Kranzelreiten auch im ORF-Kulturmontag am 7. September in den Mittelpunkt. Für die Dokumentation durfte ich als Historikerin vor der Kamera über die Geschichte und kulturhistorische Einordnung des Brauchs sprechen. Dabei standen vor allem zwei Fragen im Mittelpunkt: Wie lässt sich das Kranzelreiten kulturhistorisch einordnen – und was ist über seine Geschichte tatsächlich überliefert?


Denn wer nach seinen Ursprüngen sucht, begegnet nicht nur der bekannten Pestsage. Auch Pfingstbräuche, Wettlauf und Brautwerbung, Flur- und Grenzumritte sowie ältere Reiterspiele bieten interessante Vergleichsmöglichkeiten. Was davon lässt sich historisch belegen, was gehört zur mündlichen Überlieferung und wie fügt sich der Brauch in einen größeren europäischen Kulturraum ein?



2. Das Kranzelreiten in Weitensfeld – kurz erklärt


Das Kranzelreiten in Weitensfeld wird jedes Jahr am Pfingstsonntag und Pfingstmontag gefeiert. Viele der Handlungen, die heute dazugehören, werden uns später noch begegnen: der Ausritt der Kranzelreiter, das G’stanzlsingen, der dreimalige Ritt durch den Markt, Wettritt und Wettlauf sowie Kranz, Kuss und Tanz. Zunächst aber ein kurzer Blick auf den Ablauf des Brauchs.


Pfingstsonntag: Ausritt und G’stanzlsingen


Am Pfingstsonntag versammeln sich die Kranzelreiter in Weitensfeld. Nach dem Aufstellen der Marktfreyung führt der Ausritt jährlich wechselnd nach Altenmarkt oder Zweinitz, wo zum Fest am folgenden Tag eingeladen wird. Nach der Rückkehr ziehen die Reiter durch den Markt. Begleitet von der Blasmusik werden G’stanzln gesungen, die Ereignisse des vergangenen Jahres aufgreifen.


Männer stellen beim Kranzelreiten in Weitensfeld die hölzerne Marktfreyung auf, umgeben von Frauen und Kindern in traditioneller Tracht.
Aufstellen der Marktfreyung © Manuella Trampitsch / Marktgemeinde Weitensfeld

Pfingstmontag: Reiten, Wettritt und Wettlauf


Am Pfingstmontag erreicht das Kranzelreiten seinen Höhepunkt. Die festlich gekleideten Kranzelreiter ziehen mit ihren geschmückten Pferden durch den Markt. Dreimal wird die Strecke durch Weitensfeld im scharfen Ritt zurückgelegt – eine Handlung, die heute als symbolisches Austreiben der Pest gedeutet wird.


Danach folgen Wettritt und Wettlauf. Drei junge Männer treten als Läufer gegeneinander an. Der Sieger zieht anschließend auf dem Siegerpferd des Wettritts gemeinsam mit den beiden anderen Läufern zur Steinernen Jungfrau am Marktbrunnen. Er erhält das Kranzel als Siegespreis und darf die Jungfrau umarmen und küssen. Auch der Zweit- und Drittplatzierte erhalten ihre traditionellen Preise; der Letzte bekommt unter anderem die Schweineborsten, die sogenannte „Saubest“.


Der Sieger des Wettlaufs sitzt beim Kranzelreiten in Weitensfeld auf einem Pferd und hält den gewonnenen Kranz in die Höhe.
Der Gewinner des Wettlaufs reitet auf dem Siegerpferd zur Steinernen Jungfrau am Marktbrunnen © Manuella Trampitsch / Marktgemeinde Weitensfeld

Getragen wird das Kranzelreiten von vielen Mitwirkenden. Eine wichtige Rolle übernehmen dabei die Bänderhutfrauen. Ebenso prägen die Kranzelreiter in ihrer Festtracht und die Trachtenkapelle Zweinitz das Erscheinungsbild des Festes. Nach der Preisvergabe überreichen die drei Läufer ihre „Beste“ den von ihnen ausgewählten Mädchen. Gemeinsam tanzen die Paare anschließend den Gurktaler Walzer.


Die Trachtenkapelle Zweinitz spielt beim Kranzelreiten in Weitensfeld in traditioneller Kleidung auf der festlich geschmückten Straße.
Die Trachtenkapelle Zweinitz umrahmt das Kranzelreiten © Manuella Trampitsch / Marktgemeinde Weitensfeld


3. Die Sage und die historischen Quellen


Die heute verbreitete Sage führt den Ursprung des Kranzelreitens auf eine Pestepidemie zurück, die Weitensfeld im 16. Jahrhundert heimgesucht haben soll. Der Überlieferung zufolge überlebten nur vier Menschen: drei Bürgersöhne aus Weitensfeld und das Burgfräulein von Schloss Thurnhof bei Zweinitz. Alle drei jungen Männer warben um ihre Hand. Das Burgfräulein ließ schließlich einen Wettlauf entscheiden: Der Sieger sollte sie zur Frau bekommen. Zur Erinnerung an diese Begebenheit, so die Sage, wird das Kranzelreiten bis heute abgehalten. Auch die Österreichische UNESCO-Kommission gibt diese Erzählung ausdrücklich als mündliche Überlieferung wieder.


Beim Jubiläums-Kranzelreiten in Weitensfeld überreicht ein junger Mann der festlich gekleideten Jungfrau einen Blumenstrauß.
Der Sieger des Wettlaufs und die Jungfrau beim Jubiläumskranzelreiten 2022 © Marktgemeinde Weitensfeld / Steindorfer / Trampitsch

Zur heutigen Überlieferung gehört außerdem die Vorstellung, dass das Kranzelreiten keinesfalls ausfallen dürfe. Der Sage nach kehrten die Pesttoten zurück, als der Brauch einmal nicht abgehalten wurde. Auf diese Erzählung und ihre mögliche kulturhistorische Einordnung gehe ich im Zusammenhang mit der Pestüberlieferung noch näher ein.


Traditionell wird die Entstehung des Brauchs damit in das 16. Jahrhundert gelegt. Eine zeitgenössische schriftliche Quelle, die diesen Ursprung belegen würde, ist jedoch nicht bekannt. Der älteste heute bekannte schriftliche Beleg für das Kranzelreiten stammt aus dem Jahr 1814 und findet sich in der Carinthia. Zeitschrift für Vaterlandskunde, Belehrung und Unterhaltung.


Die Carinthia von 1814: Eine mündliche Überlieferung wird schriftlich festgehalten


Der Bericht von 1814 ist für die Geschichte des Kranzelreitens aufschlussreich. Der Brauch wird darin bereits als eine der „alten hergebrachten Jahrsfeyerlichkeiten“ Weitensfelds bezeichnet. Beschrieben werden der Wettlauf der drei jüngsten Bürger am Pfingstmontag, die unterschiedlichen Preise für die Läufer und die Beteiligung der Reiter. Das Kranzelreiten wurde zu diesem Zeitpunkt also bereits als überlieferte Tradition wahrgenommen.

Für die Frage nach seinem Ursprung ist jedoch eine andere Formulierung noch wichtiger. Der Verfasser präsentiert die Geschichte von der Pest nicht als historisch verbürgtes Ereignis. Er schreibt ausdrücklich:

„Über den Ursprung dieses Spieles erzählen die Bürger in Weitensfeld folgende mündliche Ueberlieferung …“
Historische Seite der Zeitschrift „Carinthia“ von 1814 mit dem Beitrag „Der Markt Weitensfeld in Kärnten“, einer frühen Beschreibung des Ortes und seiner Bräuche.
Ausgabe der Carinthia vom 20. Jänner 1814 / Digitalisat: Österreichische Nationalbibliothek, ANNO.

Bereits 1814 begegnet damit der Kern der bis heute bekannten Sage: Nach einer Pest seien drei junge Männer und eine junge Frau übrig geblieben. Die drei Männer hätten um ihre Hand geworben und ein Wettlauf sollte entscheiden, wer sie zur Frau bekam. Am Ende des Berichts wird außerdem darauf verwiesen, dass die Geschichte „von Vater auf Sohn“ weitergegeben werde.


Mehr als fünfzig Jahre später widmete Franz Franzisci dem Brauch einen ausführlichen Beitrag. Unter dem Titel „Der Wettlauf in Weitensfeld. Aus dem kärntnischen Volksleben“ erschien 1867 wiederum in der Carinthia eine Beschreibung, die auch deshalb interessant ist, weil Franzisci das Kranzelreiten selbst erlebt hatte. Auch bei ihm begegnen Pest, drei Bürgersöhne und das Burgfräulein. Zugleich versucht er, den Brauch kulturhistorisch zu deuten und bringt ihn mit Brautlauf sowie germanischen Pfingst- und Frühlingsbräuchen in Verbindung. Für ihn hatte sich im Kranzelreiten ein Stück „altgermanischen Volkslebens“ bis in seine eigene Zeit erhalten.


Historische Zeitschriftenseite von 1867 mit dem Beitrag „Der Wettlauf in Weitensfeld. Aus dem kärntnischen Volksleben“ von Franz Franzisci.
Ausgabe der Carinthia von 1867 / Digitalisat: Österreichische Nationalbibliothek, ANNO.

Solche Deutungen müssen heute jedoch mit großer Vorsicht gelesen werden. Die Volkskunde des 19. und frühen 20. Jahrhunderts suchte häufig nach vermeintlich uralten, möglichst ungebrochenen „germanischen“ Traditionen hinter bestehenden Bräuchen. Diese Vorstellungen waren zunächst stark von Nationalromantik und zeitgenössischen Vorstellungen von Volk und Herkunft geprägt und wurden später teilweise auch in völkischen Deutungsmodellen weitergeführt. Aus Ähnlichkeiten zwischen einem heutigen oder historisch überlieferten Brauch und älteren Erzähl- oder Brauchmotiven lässt sich jedoch keine direkte Kontinuität seit germanischer Zeit ableiten. Franziscis Vergleich mit Brautlauf und Pfingstbräuchen ist daher als zeitgenössischer Deutungsversuch interessant, nicht als Beweis für den Ursprung des Kranzelreitens.


Was sagt uns eine mündliche Überlieferung?


Gerade die Quelle von 1814 zeigt, warum wir zwischen historischem Ereignis, mündlicher Überlieferung und schriftlicher Quelle unterscheiden müssen. Dass eine Sage schriftlich festgehalten wird, beweist nicht, dass das darin geschilderte Ereignis tatsächlich stattgefunden hat. Die Carinthia von 1814 belegt keine Pestgeschichte im 16. Jahrhundert, wohl aber, dass diese Erzählung spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Weitensfeld als Erklärung für den Ursprung des Brauchs überliefert war.


Damit ist die mündliche Überlieferung historisch keineswegs wertlos. Sie zeigt, wie Menschen einen Brauch verstanden, deuteten und über Generationen weitergaben. Dabei muss auch die Sage selbst nicht unverändert geblieben sein. Pest, Burgfräulein, Wettlauf um die Braut und die Vorstellung von der verpflichtenden jährlichen Wiederholung können zu unterschiedlichen Zeiten miteinander verbunden worden sein.


Um diese Motive besser einzuordnen, lohnt sich deshalb ein Blick über Weitensfeld hinaus.



4. Das Weitensfelder Kranzelreiten im europäischen Kulturraum


Einzelne Elemente des Kranzelreitens begegnen auch in anderen europäischen Brauch- und Erzähltraditionen: Wettlauf und Brautwerbung, Pfingstwettkämpfe und Kränze, Reiterbräuche sowie Flur- und Grenzumritte. Solche Parallelen sind kein Beweis für eine gemeinsame Herkunft, sie helfen aber dabei, das Kranzelreiten in Weitensfeld in einen größeren kulturhistorischen Zusammenhang einzuordnen.


Wettlauf und Brautwerbung


Der Wettlauf dreier Männer um eine Frau erinnert an ein weit verbreitetes Motiv der Brautwerbung durch körperliche Bewährung.


Historische Illustration der Brünhild-Sage: Brünhild tritt bei einer Kraftprobe vor König Gunther und seinem Gefolge an.
Brünhild hat ihren Freier zum Speerwurf herausgefordert und beginnt mit dem Werfen, Howard Pyle, 1882 © Wikimedia Commons, gemeinfreies Werk

Schon in der griechischen Mythologie lässt Atalante ihre Freier im Wettlauf gegen sich antreten. Auch die Brünhild-Überlieferung, die uns unter anderem im mittelalterlichen Nibelungenlied begegnet, verbindet Brautwerbung und Wettkampf: Brünhild will nur jenen Mann heiraten, der sie in ihren Wettspielen besiegt. Eine direkte Verbindung zum Kranzelreiten lässt sich daraus nicht ableiten. Vergleichbar ist vielmehr das Motiv von Wettkampf, Bewährung und Brautwerbung.


Drei junge Männer in weißer Kleidung und roten Schärpen laufen beim traditionellen Wettlauf des Kranzelreitens durch Weitensfeld.
Wettlauf der Bürgersöhne um die Braut © Manuella Trampitsch / Marktgemeinde Weitensfeld

Auffällig ist dabei auch die Rolle der Frau: Sowohl Atalante und Brünhild als auch das Burgfräulein der Weitensfelder Sage bestimmen selbst die Bedingungen, unter denen ein Bewerber sie gewinnen kann. Darin begegnet ein altes Erzählmotiv der „Prüfungsbraut“.


Mittelalterliche Buchmalerei einer Hochzeit mit festlich gekleideter Braut und Bräutigam, Hochzeitsgesellschaft und Musikern.
Loyset Liédet, Die Hochzeit von Renaud de Montauban und Clarisse, zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts, aus Regnault de Montauban, Redaktionsprosa, Bd. 2. Paris, Bibliothèque de l'Arsenal, Ms. 5073 Reserve, f. 117v. © Wikimedia Commons, gemeinfreies Werk

Mit der historischen Realität von Ehe und Partnerwahl im Mittelalter lässt sich dieses Motiv allerdings nicht ohne Weiteres gleichsetzen. Je nach Zeit, Region und sozialem Stand konnten Frauen unter der Munt, also der Schutz- und Herrschaftsgewalt eines männlichen Familienangehörigen, stehen, die bei einer Eheschließung auf den Ehemann übergehen konnte. Besonders in adeligen Familien wurde die Partnerwahl stark von Familie, Stand, Besitz sowie politischen und dynastischen Interessen bestimmt. Zwar setzte das mittelalterliche Kirchenrecht grundsätzlich die Zustimmung beider Brautleute zur Ehe voraus, die Möglichkeiten einer völlig freien Partnerwahl waren in der Praxis jedoch begrenzt. Die selbstbestimmte Wahl des Ehemannes, wie sie die Weitensfelder Sage erzählt, ist daher vor allem als Erzählmotiv und nicht als Abbild mittelalterlicher Ehepraxis zu verstehen.


Die Jungfrau des Kranzelreitens in Weitensfeld sitzt in weißem Kleid mit roter Schärpe auf einem erhöhten roten Stuhl.
"Lebende" Jungfrau Marie-Sophie Tatschl beim Jubiläumskranzelreiten 2022 © Marktgemeinde Weitensfeld

Pfingsten, Kranz und Jugend


Näher am Weitensfelder Brauch liegen historische Pfingstwettkämpfe, auf die der Volkskundler Heimo Schinnerl verweist. In Krems und Nöring im Katschtal etwa liefen junge Männer zu Pfingsten um einen aufgestellten Baum; der Sieger erhielt von einem Mädchen einen Strauß Pfingstrosen und einen Kuss. Aus anderen Pfingstbräuchen sind „Pfingstkönige“, aber auch Spottpreise für den Letzten bekannt, wie in Weitensfeld die "Saubest". Sieger, Preis, Mädchen und Kuss begegnen damit auch außerhalb Weitensfelds in ähnlicher Verbindung.

Auch der Kranz fügt sich in diesen Zusammenhang. Kränze sind seit der Antike als Ehren- und Siegeszeichen bekannt. Beim Kranzelreiten erhält der Sieger das Kranzel beziehungsweise den Brautkranz.


Eine weitere Bedeutungsebene bringt die Myrte in den Brauch: Der Zweitplatzierte erhält ein Myrtensträußchen. Die Myrte war bereits in der Antike mit Liebe verbunden und wurde besonders seit dem 18. und 19. Jahrhundert zu einem verbreiteten Bestandteil des Brautschmucks. Im heutigen Kranzelreiten stehen damit Siegeszeichen sowie Liebes- und Hochzeitssymbolik nebeneinander. Seit wann diese Bedeutungen mit den einzelnen Preisen des Brauchs verbunden sind, lässt sich jedoch nicht eindeutig bestimmen.


Der Sieger des Kranzelreitens hält neben der Jungfrauenfigur den mit Bändern geschmückten Siegerkranz in die Höhe.
Der Sieger des Wettlaufs setzt der steinernen Jungfrau den Kranz auf © Manuella Trampitsch / Marktgemeinde Weitensfeld

Pferde, Flur und Grenze


Besonders interessant ist der Ausritt am Pfingstsonntag. Die Kranzelreiter verlassen Weitensfeld und ziehen abwechselnd nach Altenmarkt oder Zweinitz, zwei zum Weitensfelder Raum gehörenden Orten. Schinnerl stellt diesen Ausritt in einen größeren Zusammenhang mit Flurumritten, Grenzabschreitungen und Prozessionen zu Pfingsten.


Mittelalterliche Darstellung des Zwettler Klostergebiets mit zwei Reitern beim Umritt entlang der durch einen großen Kreis markierten Grenze.
Umritt des Zwettler Klosterterritoriums: Hadmar I. von Kuenring und Abt Hermann, Zwettler „Bärenhaut“, fol. 12r, um 1310, Wikimedia Commons, gemeinfreies Werk

Solche Flur- und Grenzumritte dienten in unterschiedlichen historischen Zusammenhängen dazu, einen Raum zu durchreiten, Grenzen im Gedächtnis zu halten oder Besitz- und Herrschaftsansprüche sichtbar zu machen. Daneben gab es religiös geprägte Umritte und Reiterprozessionen, die dem Schutz und Segen von Fluren und Siedlungen dienten. Dass der Weitensfelder Pfingstausritt tatsächlich aus einem solchen Grenz- oder Flurumritt hervorgegangen ist, lässt sich nicht belegen. Die räumliche Struktur des Ausritts weist jedoch interessante Parallelen dazu auf.


Auch andernorts haben sich bedeutende Reiterbräuche rund um Pfingsten erhalten. Schinnerl zieht unter anderem den Kötztinger Pfingstritt in Bayern zum Vergleich heran, bei dem die Reiter den Ort verlassen und zu einer Kirche außerhalb der Stadt ziehen. Solche Beispiele zeigen, dass Reiterfeste zu Pfingsten in einem größeren mitteleuropäischen Brauchzusammenhang stehen.


Mehrere Kranzelreiter galoppieren auf geschmückten Pferden durch die von Zuschauern gesäumte Hauptstraße von Weitensfeld.
Kranzelreiter in traditioneller Tracht mit geschmückten Pferden © Julius Steindorfer

Reiterspiele und Turnierkultur


Eine weitere Erklärung führt in die Welt der adeligen Reiter- und Turnierspiele. Der Volkskundler Leopold Kretzenbacher stellte das Kranzelreiten ebenso wie andere Kärntner Reiterbräuche, etwa das Kufenstechen im Gailtal, in diesen größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang. Elemente höfischer und adeliger Wettkämpfe könnten demnach in späteren Volksbräuchen weitergelebt oder in veränderter Form aufgenommen worden sein.

Auch hier gilt jedoch: Keine dieser Parallelen liefert für sich allein die Erklärung für die Entstehung des Kranzelreitens. Sie zeigen vielmehr, dass Wettlauf, Kranz, Brautwerbung, Pfingsttermin, Ausritt und Reiterwettkampf Motive und Brauchelemente sind, die weit über Weitensfeld hinausreichen.


Mittelalterliche Buchmalerei eines Ritterturniers mit zwei gepanzerten Reitern im Lanzenstechen vor Zuschauern.
Miniatur aus „Die Romanze des Jean de Saintré“: Jean de Saintré beim Turnier im Tjost mit dem spanischen Ritter Enguerrant um 1470 © Wikimedia Commons, gemeinfreies Werk

5. Pest und Pestaustreiben – Sage und historischer Hintergrund


Pestepidemien gehörten im 16. Jahrhundert zur Lebenswirklichkeit der Menschen. Auch Innerösterreich, zu dem damals die habsburgischen Länder Steiermark, Kärnten und Krain gehörten, war im 16. Jahrhundert wiederholt mit Pest und Seuchengefahr konfrontiert. Für die zweite Hälfte des Jahrhunderts sind entsprechende Ausbrüche und obrigkeitliche Maßnahmen gegen ihre Verbreitung belegt.

So wurden 1571 wegen der Seuchengefahr in der Steiermark Jahrmärkte und Kirchtage eingeschränkt; 1572 wich die innerösterreichische Regierung wegen der Pest sogar nach Pettau, dem heutigen Ptuj, aus.


Holzschnitt von 1532 mit an der Pest erkrankten und verstorbenen Menschen in einem Innenraum.
Holzschnitt von sterbenden Pestkranken aus dem Jahr 1532 © Wikimedia Commons, gemeinfreies Werk

Die Pestüberlieferung des Kranzelreitens steht damit in einem historisch durchaus nachvollziehbaren Umfeld. Einen zeitgenössischen Beleg dafür, dass eine konkrete Pestepidemie in Weitensfeld zur Entstehung des Brauchs führte, kennen wir jedoch nicht.


Das heute als Pestaustreiben gedeutete dreimalige Reiten durch den Markt lässt sich ebenfalls kulturhistorisch einordnen. Die Drei ist eine alte Ritual- und Symbolzahl und besitzt im Christentum durch die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist eine besondere Bedeutung. Die dreifache Wiederholung kann einer rituellen Handlung zusätzliches Gewicht verleihen.


Auch das Galoppieren der Pferde und der dabei entstehende Lärm passen zu älteren Vorstellungen der Unheilsabwehr. Lärm wurde in zahlreichen Bräuchen eingesetzt, um Unheil oder bedrohliche Mächte symbolisch zu vertreiben. Der schnelle Ritt, der laute Hufschlag und die dreifache Wiederholung lassen sich daher durchaus als Elemente einer symbolischen Vertreibung verstehen.


Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass dies die ursprüngliche Bedeutung des Weitensfelder Rittes war. In älteren Beschreibungen haben die Reiter zunächst auch eine ganz praktische Funktion: Sie schaffen Platz und halten die Rennbahn für die Läufer frei. Erst später wird der dreimalige scharfe Ritt ausdrücklich als Vertreibung der Pest gedeutet.


Mittelalterliche Buchmalerei zur Pest mit Menschen, die zahlreiche Tote in Särgen tragen und bestatten.
Miniatur von Pierart dou Tielt zur Illustration des Tractatus quartus bu Gilles li Muisit (Tournai, ca. 1353). Die Einwohner von Tournai begraben Opfer des Schwarzen Todes. ms. 13076 - 13077 fol. 24v. um 1353 © Wikimedia Commons, gemeinfreies Werk

Eine weitere Pesterzählung erklärt, warum das Kranzelreiten jedes Jahr stattfinden muss und keinesfalls ausgelassen werden darf. Der Sage nach wurde der Brauch einmal nicht abgehalten. Daraufhin seien in der Nacht die Pesttoten zurückgekehrt und auf ihren Pferden durch den Markt geritten. Am nächsten Morgen hätten die aufgewühlte Straße und die Spuren der Hufe von ihrem nächtlichen Ritt gezeugt. Seither, so die Überlieferung, müsse das Kranzelreiten jedes Jahr stattfinden.


Das Motiv der nächtlich umherziehenden Toten erinnert zwar an den mitteleuropäischen Vorstellungskomplex des Wilden Heeres beziehungsweise der Wilden Jagd. Diese ist jedoch vor allem in den Rauhnächten und damit im winterlichen Jahresbrauchtum verortet, während das Kranzelreiten zu Pfingsten stattfindet. Die Parallele liegt daher auf der Ebene einzelner Erzählmotive; eine direkte Verbindung oder gar eine Herkunft des Kranzelreitens aus der Wilden Jagd lässt sich daraus nicht ableiten.



6. Sage und Geschichte – kein Widerspruch


Was bleibt also von der Suche nach den Ursprüngen des Kranzelreitens? Einen eindeutigen Anfangspunkt können die historischen Quellen nicht liefern. Schriftlich nachweisbar ist der Brauch seit 1814, damals wurde er bereits als alte Weitensfelder Tradition beschrieben. Seine Entstehung im 16. Jahrhundert und die Verbindung mit einer Pestepidemie gehören dagegen zur mündlichen Überlieferung.


Die kulturhistorischen Vergleiche zeigen zugleich, dass viele Elemente des Kranzelreitens weit über Weitensfeld hinausreichen. Wettkampf und Brautwerbung, Pfingstbräuche und Kränze, Flur- und Grenzumritte sowie Reiter- und Turniertraditionen begegnen in unterschiedlichen Formen auch andernorts. Das bedeutet nicht, dass sich der Weitensfelder Brauch aus einer dieser Traditionen unmittelbar ableiten lässt. Vielmehr könnten sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Brauchelemente und Überlieferungsstränge miteinander verbunden haben.


Sage und Geschichte stehen dabei nicht im Widerspruch. Eine Sage ist kein Tatsachenbericht – sie ist aber selbst Teil der Geschichte. Sie zeigt, wie Menschen einen Brauch erklärt, gedeutet und über Generationen weitergegeben haben.


Frauen und Mädchen in Gurktaler Tracht mit den charakteristischen schwarzen Bänderhüten beim Kranzelreiten in Weitensfeld.
Bänderhutfrauen aus Weitensfeld © Julius Steindorfer / Marktgemeinde Weitensfeld

Für die Bevölkerung von Weitensfeld ist das Kranzelreiten bis heute identitätsstiftend. Jedes Jahr wird der Brauch mit großem Engagement vorbereitet, durchgeführt und an die nächste Generation weitergegeben. Gerade diese lebendige Weitergabe ist ein wesentlicher Bestandteil des immateriellen Kulturerbes. Entscheidend ist also nicht nur, wie alt ein Brauch ist oder wie weit sich seine Ursprünge zurückverfolgen lassen, sondern auch, welche Bedeutung er für die Menschen vor Ort bis heute besitzt.



Quellen und Literatur


Historische Quellen


„Der Markt Weitensfeld in Kärnten“. In: Carinthia. Zeitschrift für Vaterlandskunde, Belehrung und Unterhaltung, 4. Jg., Nr. 20, 21. Mai 1814. Digitalisat: Österreichische Nationalbibliothek, ANNO.


Franzisci, Franz: „Der Wettlauf in Weitensfeld. Aus dem kärntnischen Volksleben.“ In: Carinthia. Zeitschrift für Vaterlandskunde, Belehrung und Unterhaltung, 57. Jg., 1867, S. 223–227. Digitalisat: Österreichische Nationalbibliothek, ANNO.


Verwendete Literatur


Biermann, Günther: Das Weitensfelder Kranzelreiten – Festbrauch in Beständigkeit und Wandel. In: Thomas Zeloth (Hg.): Weitensfeld. Eine Marktgemeinde im Herzen des Gurktales. Klagenfurt 2008, S. 368 ff.


Flamm, Heinz: Die ersten Infektions- oder Pest-Ordnungen in den österreichischen Erblanden, im Fürstlichen Erzstift Salzburg und im Innviertel im 16. Jahrhundert. Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin, Bd. 58. Wien 2008. S. 11–24.


Schinnerl, Heimo: Das „Kranzelreiten in Weitensfeld“. Ein Pfingstspiel mit überregionaler Verwandtschaft, Herkunft und Verbreitung. In: KulturLandMenschen. Beiträge zu Volkskunde, Geschichte, Gesellschaft und Naturkunde, Mai/Juni 2022, S. 20–22.


Sabitzer, Werner: Land der Hemma. Das Gurktal. Geschichte und Geschichten. Wien/Graz/Klagenfurt 2013.


Weiterführende Literatur


Beitl, Richard: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974. (Stichwörter Hochzeit, Braut, Brautkranz, Myrte).


Graber, Georg: Volksleben in Kärnten. Graz/Wien: Leykam 1949.


Harmening, Dieter: Wörterbuch des Aberglaubens. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage. Stuttgart 2009.


Kapfhammer, Günther: Brauchtum in den Alpenländern. München 1977.


Kretzenbacher, Leopold: Europäisches Kulturgut in den Kärntner Volksbräuchen. Klagenfurt 1961.


Kretzenbacher, Leopold: Ringreiten, Rolandspiel und Kufenstechen. Sportliches Reiterbrauchtum von heute als Erbe aus abendländischer Kulturgeschichte. Buchreihe des Landesmuseums für Kärnten, Bd. 20. Klagenfurt 1966.


Moser, Dietz-Rüdiger: Bräuche und Feste im christlichen Jahreslauf. Graz 1993.


Dokumentation


Österreichische UNESCO-Kommission: Kranzelreiten zu Weitensfeld. Eintrag in das Österreichische Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes sowie Bewerbungsunterlagen, Aufnahme 2016.


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Portraitfoto der Friesacher Stadtführerin Carmen Heller

Über mich

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