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Fastentücher in Kärnten: Geschichte und Bedeutung

  • Autorenbild: Carmen Heller
    Carmen Heller
  • vor 5 Tagen
  • 9 Min. Lesezeit

Inhalt:



Einleitung: Die Fastentücher in Kärnten im Mittelalter


Kärnten gehört zu jenen wenigen Regionen Europas, in denen sich eine größere Zahl mittelalterlicher Fastentücher erhalten hat. Während diese monumentalen Leinwandbilder in vielen Teilen des Kontinents verloren gingen, wurden sie hier nicht nur bewahrt, sondern vielfach bis in die Gegenwart liturgisch verwendet.


Die sogenannten Fasten- oder Hungertücher waren in der vierzigtägigen Bußzeit vor Ostern im Kirchenraum aufgezogen. Sie verhüllten Altäre und Chorräume und bestimmten für Wochen das Bild der Kirche. In Kärnten begegnen uns dabei nicht bloß schlichte Verhänge, sondern großformatige, reich bemalte Bildprogramme, die zentrale Stationen der Heilsgeschichte entfalten.


Diese Verbindung von Verhüllung und monumentaler Bildentfaltung ist charakteristisch für den alpenländischen Raum. Innerhalb Österreichs entfällt mehr als die Hälfte der erhaltenen historischen Fastentücher östlich des Arlbergs auf Kärnten. Diese Dichte verleiht dem Land eine besondere kunst- und kulturhistorische Bedeutung.



Benennung und Begriffsgeschichte


Die Terminologie für die während der Fastenzeit im Kirchenraum aufgezogenen Tücher ist regional unterschiedlich ausgeprägt. Sie verweist auf verschiedene kirchliche Traditionen und sprachliche Entwicklungen und macht deutlich, dass diese Praxis in unterschiedlichen Kulturräumen jeweils eigene Akzente erhielt.


Im östlichen Alpenraum – und damit auch in Kärnten – hat sich der Begriff Fastentuch durchgesetzt. Er verweist unmittelbar auf die liturgische Zeit der Quadragesima und betont die Einbindung in das Kirchenjahr.


Im alemannischen und südwestdeutschen Raum sowie in der Schweiz, in Schwaben, im Elsass, in Westfalen und in Sachsen ist hingegen vor allem die Bezeichnung Hungertuch gebräuchlich. Der Ausdruck steht im Zusammenhang mit der strengen Fastenpraxis früherer Jahrhunderte und verweist sprachlich auf Entbehrung und Mangel.


In Tirol begegnet die Bezeichnung Leidenstücher, die auf die ikonographische Ausrichtung vieler Tücher auf die Passion Christi Bezug nimmt.


Auf den norddeutschen Raum beschränkt sind dialektale Ausdrücke wie S(ch)machtlappen oder S(ch)machtfetzen.


Die Redensart „am Hungertuch nagen“ ist seit dem 16. Jahrhundert belegt und bedeutet, Mangel zu leiden oder arm zu leben. Sprachgeschichtlich dürfte sie aus der Wendung „am Hungertuch nähen“ entstanden sein. Eine direkte Verbindung zum liturgischen Gebrauch lässt sich jedoch nicht nachweisen.


Für Kärnten ist daher die Bezeichnung Fastentuch historisch wie terminologisch angemessen.



Liturgische Funktion und mittelalterliche Bußpraxis


Das Verhüllen heiliger Bilder und Ausstattungsstücke während der Fastenzeit ist seit dem frühen Mittelalter belegt. Altäre, Kreuze, Reliquienschreine und andere kostbare Objekte wurden mit Tüchern bedeckt. Die Quellen sprechen von velum oder cortina, wo zur genaueren Bezeichnung noch der Terminus quadragesimale (40-tägig) hinzugefügt werden konnte. Der Begriff velum templi erinnert an den Vorhang des Jerusalemer Tempels, der nach dem Evangelium beim Tod Christi zerriss.


Diese frühen Passionsvela dienten in erster Linie der Verhüllung einzelner Bildwerke oder liturgischer Zentren. Im Laufe des Hoch- und Spätmittelalters entwickelte sich daraus im Alpenraum eine eigenständige Form großformatiger Fastentücher. Sie wurden am Chorbogen aufgehängt und konnten den Altarraum vollständig vom Gemeinderaum trennen. In dieser Ausprägung entstand eine deutliche räumliche Zäsur im Kircheninneren. Auch heute begegnen wir in vielen Kirchen noch violetten Tüchern, die liturgischen Gegenstände oder Altäre verhüllen.


Im Hintergrund dieser Praxis steht die mittelalterliche Bußdisziplin. Wer schwere Schuld auf sich geladen hatte, war zeitweise vom Empfang der Eucharistie ausgeschlossen. In der vierzigtägigen Fastenzeit wurde dieses Motiv symbolisch auf die gesamte Gemeinde übertragen. Der Altar als Ort der sakramentalen Gegenwart Christi blieb dem unmittelbaren Blick entzogen.


Fastentuch im Stift St. Paul im Lavanttal in Kärnten, großformatige violette und weiße Stoffbahnen vor dem Altar während der Fastenzeit.
Verhüllter Altar in der Stiftskirche St. Paul im Lavanttal (© Carmen Heller)

Die Tücher hingen jedoch nicht immer unbeweglich. Zu bestimmten liturgischen Momenten konnten sie vorhangartig geöffnet oder herabgelassen werden. Besonders in der Karwoche gewann diese Bewegung symbolische Kraft. Beim Evangelium vom Zerreißen des Tempelvorhangs (et velum templi scissum est, Mk 15,38) wurde das Tuch unter lautem Geräusch herabgelassen und das Geschehen von Golgatha sinnlich vergegenwärtigt. Fastentücher waren damit nicht rein dekorative Elemente, sondern Teile einer durchdachten liturgischen Ordnung, die Raum, Zeit und Heilsgeschehen miteinander verband.


Die Entwicklung der Fastentücher steht auch im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Bildauffassung. In der Romanik wurde Christus am Kreuz häufig als Sieger dargestellt. Er trägt eine Königskrone, sein Körper wirkt aufrecht und würdevoll. Nicht das Leiden, sondern der Triumph über den Tod stand im Vordergrund.


Mit dem Übergang zur Gotik verändert sich dieses Bild grundlegend. Christus erscheint nun als leidender Mensch. Sein Körper ist von Schmerzen gezeichnet, das Haupt geneigt, der Ausdruck von Qual und Sterblichkeit geprägt. Die Passion rückt stärker in den Mittelpunkt der Frömmigkeit. Vor diesem Hintergrund erhält auch die Praxis der Verhüllung eine neue Bedeutung. Was in der Romanik noch als theologisch stimmige Darstellung galt, erschien im Kontext der Fastenzeit zunehmend widersprüchlich. Die Betonung des Leidens Christi verlangte nach einer anderen Bildsprache. Die monumentalen Fastentücher, die das Heilsgeschehen entfalten, sind Teil dieser Entwicklung.


 

Vom verhüllenden Tuch zum monumentalen Bild


Die ältesten Zeugnisse um das Jahr 1000 lassen vermuten, dass frühe Fastentücher einfarbig und ohne bildliche Ausgestaltung waren. Ihr Zweck bestand in der Verhüllung liturgischer Zentren während der Fastenzeit. Im Laufe des Hoch- und Spätmittelalters entwickelte sich im Alpenraum jedoch eine eigenständige Bildtradition. Die Tücher wurden bemalt, gegliedert und in Felder unterteilt.


Bis weit ins 17. Jahrhundert dominierte der sogenannte Felder-Typ, ein schachbrettartig gegliedertes Raster, das eine Vielzahl biblischer Szenen in eine geordnete Abfolge zwingt. Der Einbruch der Reformation im 16. Jahrhundert änderte an Form und Inhalt dieser Tücher zunächst wenig. Erst im 17. Jahrhundert setzte eine Verdichtung ein.


Fastentuch aus Reichenfels, Kärnten, um 1520. Großformatige Leinwand im Felder-Typ mit 24 rot gerahmten Bildfeldern. Dargestellt sind Szenen von der Schöpfung über das Leben Christi bis zur Passion in geordneter heilsgeschichtlicher Abfolge.
Fastentuch aus Reichenfels im Lavanttal, um 1520. Felder-Typ mit 24 schachbrettartig angeordneten Bildfeldern aus dem Alten und Neuen Testament. (© Carmen Heller)

Der später entwickelte Zentral-Typ der Fastentücher rückte die Kreuzigung als Hauptbild in den Mittelpunkt und gruppierte kleinere Passionsszenen in Medaillons darum. Seit dem 18. Jahrhundert beschränkten sich manche Tücher auf einzelne Darstellungen wie Geißelung, Kreuzigung oder Dornenkrönung. Mitunter entstanden sogar Dreierfolgen, die diese Szenen in unmittelbarer Abfolge zeigten. Die umfassende heilsgeschichtliche Erzählung wurde nun zugunsten einer stärker konzentrierten Passionsdarstellung reduziert, wie sie für die barocke Frömmigkeitskultur charakteristisch ist.


Die Darstellungen folgten theologischen Ordnungsprinzipien, insbesondere der Typologie. Ereignisse des Alten Testaments galten als Vorausdeutungen des Neuen. So wurde etwa die Opferung Isaaks als Hinweis auf den Opfertod Christi verstanden oder die eherne Schlange des Mose als Vorbild für die Erhöhung Christi am Kreuz.


Das Fastentuch nahm dem Altar nicht nur die unmittelbare Sichtbarkeit. Es stellte an seine Stelle eine großformatige Bildordnung, die das Heilsgeschehen in seiner historischen Tiefe vergegenwärtigte.



Kärnten als eigenständiger Bildraum


Innerhalb des Alpenraumes nimmt Kärnten bei den Fastentüchern eine besondere Stellung ein. In ungewöhnlicher Dichte haben sich hier Beispiele aus mehreren Jahrhunderten erhalten.


Die ältesten neun überlieferten Kärntner Fastentücher stammen aus der Zeit zwischen 1458 und 1629. Gurk, Haimburg, Reichenfels, Steuerberg, Baldramsdorf, Maria Bichl, Millstatt, Sternberg und St. Stefan am Krappfeld bilden ein Netz historischer Zeugnisse, das in dieser Form andernorts kaum anzutreffen ist.


Mittelalterliches Fastentuch in Haimburg, Kärnten. Mehrreihiges Leinwandbild im Felder-Typ mit rot gerahmten Szenen aus dem Alten Testament, darunter Schöpfung, Sündenfall und Opferdarstellungen, angeordnet in einem schachbrettartigen Raster.
Fastentuch in Haimburg von 1504 (Detail). Felder-Typ mit schachbrettartig gegliederten Szenen aus dem Alten Testament (© Carmen Heller)

Von den insgesamt 41 bekannten historischen Fastentüchern östlich des Arlbergs befinden sich 23 in Kärnten. Das ist mehr als die Hälfte des Bestandes. Damit besitzt das Land nicht nur eine außergewöhnliche quantitative Dichte, sondern auch die größte Zahl vollständig erhaltener Beispiele des sogenannten Felder-Typs.


Besonders eindrucksvoll ist das 1458 von Meister Konrad aus Friesach geschaffene Fastentuch im Dom zu Gurk. Mit nahezu neun Metern Seitenlänge füllt es den Chorraum vollständig aus. Wer unter diesem monumentalen Gewebe steht, ahnt etwas von der Wirkung, die es im 15. Jahrhundert entfaltet haben muss. Das Gurker Tuch steht nicht am Beginn der Entwicklung, sondern markiert bereits einen Höhepunkt alpenländischer Fastentuchkunst.


Detail des Gurker Fastentuches von 1458 im Dom zu Gurk, Kärnten. Darstellung des Jüngsten Gerichts mit Christus als Weltenrichter, umgeben von Engeln, Auferstehenden und Szenen von Gericht und Verdammnis. Teil des schachbrettartig gegliederten Feldertyps.
Jüngstes Gericht, Detail aus dem Fastentuch im Dom zu Gurk (1458). Die Szene ist in das charakteristische Felderraster des Gurker Tuches eingebunden. (© Carmen Heller)

Eine ikonographische Besonderheit in Kärnten stellt der vorhin bereits erwähnte Zentraltyp dar. Hier ordnen sich kleinere Passionsszenen in Medaillons um eine zentrale Kreuzigungsdarstellung. Diese Bildform ist ausschließlich in Kärnten nachweisbar. Sie gilt als eigenständige regionale Ausprägung innerhalb der Fastentuchtradition. Das älteste erhaltene Beispiel dieses Typs befindet sich in St. Stefan am Krappfeld und stammt aus dem Jahr 1612. Weitere Beispiele finden sich unter anderem in Pisweg und in Dreifaltigkeit am Gray.


Kärnten ist damit nicht nur ein Bewahrungsraum, sondern ein Gestaltungsraum dieser Bildform.



Technik und Vergänglichkeit


Die alpenländischen Fastentücher sind auf Leinwand gemalt. Meist verwendete man Tempera- oder Leimfarben. Auch Wasserfarben und Wachsmalerei kamen zum Einsatz. Die monumentale Größe der Tücher stellte erhebliche technische Anforderungen an Material und Aufhängung. Das Eigengewicht der Stoffe, das wiederholte Auf- und Abhängen, Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit führten zu Rissen, Flicken und Übermalungen. So waren die Fastentücher immer gegen Beschädigungen anfällig und mussten schon in historischer Zeit aufgrund ihres schlechten Zustandes entfernt oder erneuert werden. Als liturgische Gebrauchsgegenstände wurden sie nicht in erster Linie als Kunstwerke verstanden, sondern regelmäßig auf- und abgehängt, gefaltet und gelagert. Das könnten Gründe dafür sein, dass Fastentücher vor dem 15. Jahrhundert nicht erhalten sind.


Viele Tücher überdauerten nur, weil sie umfunktioniert oder zufällig wiederentdeckt wurden. Andere gingen in Zeiten religiöser Umbrüche verloren. Dass Kärnten heute noch über einen so reichen Bestand verfügt, ist daher keine Selbstverständlichkeit, sondern Ergebnis historischer Kontinuität und späterer Wertschätzung.



Reformation, Aufklärung und Erhalt


Mit der Reformation gerieten Fastentücher in vielen Regionen außer Gebrauch. Reformatorische Theologie stellte die Bedeutung von Bildern grundsätzlich in Frage. Die Konzentration auf das Wort Gottes und die Kritik an als überladen empfundenen Frömmigkeitsformen führten dazu, dass liturgische Verhüllungspraktiken und monumentale Bildprogramme zunehmend als entbehrlich oder sogar als theologisch problematisch galten. In reformierten Gebieten verschwanden Fastentücher daher nahezu vollständig aus dem Kirchenraum.


In katholisch gebliebenen oder im Zuge der Gegenreformation wieder zurückgewonnenen Gebieten verlief die Entwicklung differenzierter. Einerseits wurde die Bildfrömmigkeit im Sinne der katholischen Reform ausdrücklich bekräftigt. Andererseits veränderte sich die Liturgie. Das Hochaltarbild gewann an Bedeutung, die Eucharistieverehrung trat stärker in den Vordergrund. In manchen Regionen blieben Fastentücher weiterhin in Gebrauch, in anderen wurden sie seltener verwendet oder allmählich verdrängt.


Wo ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein bestand, hielt sich der Brauch bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts. In vielen anderen Gegenden jedoch setzte die Aufklärung mit ihren neuen Vernunftidealen den Fastentüchern ein Ende. Liturgische Formen, die als mittelalterlich oder überholt galten, wurden aufgegeben. Man darf annehmen, dass einst nahezu jede Kirche über ein Fastentuch verfügte. Der Verlust hunderter, vielleicht tausender solcher Tücher ist daher wahrscheinlich.


Die Wege ihres Verschwindens waren unterschiedlich. Aufgeklärte Pfarrherren nahmen die Tücher außer Gebrauch. Manche gelangten in den Kunsthandel, einige in Museen oder private Sammlungen. Andere wurden an Trödelhändler verkauft und gingen verloren. Nicht wenige fristeten ihr Dasein auf feuchten Dachböden oder in Kellern, zusammengefaltet in Kisten, dem Verfall preisgegeben. Mitunter blieben sie nur deshalb erhalten, weil man sie einer neuen Verwendung zuführte, etwa als Unterlage für barocke Deckenmalereien oder als Schutzabdeckung für andere Ausstattungsstücke.


Kärnten bildet in diesem Zusammenhang eine bemerkenswerte Ausnahme. Hier blieb die Tradition nicht nur in einzelnen Kirchen lebendig, sondern wurde über Generationen hinweg weitergeführt. Diese Kontinuität erklärt die ungewöhnlich hohe Zahl erhaltener Fastentücher und verleiht dem Land eine besondere Stellung im europäischen Vergleich.



Ein kulturelles Erbe mit besonderer Aussagekraft


Die Kärntner Fastentücher sind mehr als Überreste einer vergangenen Frömmigkeit. Sie sind Zeugnisse einer Bildkultur, in der Liturgie, Theologie und Raumgestaltung eng miteinander verbunden waren. In ihnen spiegeln sich mehrere Jahrhunderte religiöser Praxis.


Modernes Fastentuch von Ferdinand Penker aus dem Jahr 2009 in der Kirche von Straßburg im Gurktal, Kärnten. Großformatiges Tuch mit rot gerahmtem Raster, abstrakt strukturierter Oberfläche und horizontal eingearbeiteten Bibelzitaten zur Passionsgeschichte.
Fastentuch in Straßburg im Gurktal, 2009, gestaltet von Ferdinand Penker. Zeitgenössische Interpretation mit rasterartiger Gliederung und eingearbeiteten Schriftzitaten zur Passion Christi. (© Carmen Heller)

Nicht nur große Meisterwerke prägten diese Tradition. Gerade auch jene Tücher, die als volkstümlich oder handwerklich schlicht gelten, haben das religiöse Leben der Gemeinden begleitet. Sie wurden Jahr für Jahr aufgezogen, betrachtet, wieder abgenommen und aufbewahrt. Sie gehörten zum Rhythmus des Kirchenjahres.


Dass sich in Kärnten eine so außergewöhnliche Zahl dieser monumentalen Bildträger erhalten hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Viele andere Regionen Europas haben ihre Fastentücher verloren. Hier jedoch blieb die Tradition in bemerkenswerter Kontinuität bestehen.


Diese Kontinuität endet nicht im 17. oder 18. Jahrhundert. Auch im 19. und 20. Jahrhundert entstanden in Kärnten neue Fastentücher, teils in bewusster Anknüpfung an die mittelalterlichen Vorbilder, teils in zeitgenössischer Formensprache. Sie zeigen, dass die Auseinandersetzung mit Passion, Verhüllung und Bildtradition kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern bis in die Gegenwart reicht.


Die Kärntner Fastentücher sind daher nicht nur kunsthistorische Objekte. Sie sind Quellen für die Frömmigkeitsgeschichte, für regionale Identität und für das Verständnis mittelalterlicher Bildtheologie – und zugleich Ausdruck einer bis heute lebendigen Tradition.



Glossar


Fastentuch

Großformatiges Tuch, das während der vierzigtägigen Fastenzeit im Kirchenraum aufgehängt wurde. Im Alpenraum meist auf Leinwand gemalt und mit biblischen Szenen versehen.


Hungertuch

In Südwestdeutschland, der Schweiz und Norddeutschland gebräuchliche Bezeichnung für Fastentücher. Der Begriff verweist sprachlich auf Entbehrung während der Fastenzeit.


Velum templi

Lateinisch für „Tempelvorhang“. Bezieht sich auf den Vorhang im Jerusalemer Tempel, der nach dem Evangelium beim Tod Christi zerriss.


Passionsvelum

Frühe Form eines Verhüllungstuches, das in der Fastenzeit Kreuze oder Altäre bedeckte.


Typologie

Theologisches Deutungsprinzip, bei dem Ereignisse des Alten Testaments als Vorausdeutungen des Neuen Testaments verstanden werden. Beispiel: Die Opferung Isaaks gilt als Hinweis auf den Opfertod Christi.


Quadragesima

Lateinische Bezeichnung für die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern.


Tempera

Maltechnik, bei der Pigmente mit Eigelb oder Eiweiß gebunden werden.


Leimfarbe

Farbtechnik, bei der Pigmente mit tierischem Leim gebunden werden. Besonders geeignet für großformatige, bewegliche Leinwände.

 


Literatur:


Rainer Sörries: Die Alpenländischen Fastentücher. Vergessene Zeugnisse volkstümlicher Frömmigkeit. Universitätsverlag Carinthia. Habilitationsschrift. Klagenfurt 1988.



Über die Autorin

Carmen Heller ist Historikerin und Kulturvermittlerin in Kärnten. Als staatlich geprüfte Fremdenführerin beschäftigt sie sich mit mittelalterlicher Geschichte, Kirchenkunst und regionaler Kulturgeschichte.


In ihren Texten verbindet sie wissenschaftliche Fundierung mit anschaulicher Vermittlung und macht historische Zusammenhänge für ein breites Publikum zugänglich.

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Portraitfoto schwarz-weiß von Carmen Heller

Über mich

Ich bin die Inhaberin des Unternehmens und der Website Wortkultur. Als Expertin für Kultur und Bildung stehe ich Ihnen für die Erstellungen von Texten und Konzepten zu Verfügung. Meine Schwerpunkte sind Content Marketing und Kulturvermittlung. Auf meiner Website gibt es auch einen Blog, auf dem ich regelmäßig Fachartikel und Aktuelles aus der Branche veröffentliche.

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