Stadtführungen entwickeln – Ein Blick hinter die Kulissen von Wortkultur
- Carmen Heller

- vor 11 Stunden
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Wie entsteht eigentlich eine Stadtführung? Wie kommt man auf Ideen für neue Themen? Und wie sieht die Vorbereitung aus – vom ersten Funken bis zum fertigen Erlebnis? In diesem Beitrag gebe ich einen sehr persönlichen Einblick in meine Arbeitsweise – und auch in meine Gedanken zur Vermittlung von Geschichte.
Inhalt:
Zwischen Wissenschaft und Erzählen
Warum sich Führungen weiterentwickeln
Atmosphäre als Teil der Vermittlung
Wenn alles stimmt
Stadtführungen entwickeln – Einladung zum Weiterdenken

1. Geschichte beginnt mit einer Idee
Viele meiner Führungen entstehen aus einem Impuls. Manchmal lese ich etwas in einem Buch, das mich nicht mehr loslässt. Manchmal stolpere ich bei einem Spaziergang über ein Detail an einem Haus, über einen Namen, ein altes Bild – und dann beginne ich, mir Gedanken darüber zu machen. Ich notiere mir erste Ideen, beginne zu recherchieren, sammle Quellen, verwerfe manches wieder und finde neue Zugänge. Oft entwickle ich so Führungen rund um einzelne Orte, Themen oder historische Persönlichkeiten.

Ein gutes Beispiel ist meine Führung „Die Nacht im Mittelalter“. Sie entstand aus meinem Interesse an nächtlichen Phänomenen, an der Vorstellung von der Nacht als Schwellenzeit. In der Führung geht es unter anderem um Nachtwächter, um das Arbeiten und Leben bei Dunkelheit – aber auch um Dämonen, Geister und Wiedergänger, also um die Nacht als Zeit, in der sich das Tor zum Jenseits öffnet.
Aus dieser Auseinandersetzung heraus ist später auch die Halloween-Führung entstanden, mit starkem Fokus auf Bräuche, Aberglauben und heidnisch-christliche Übergänge. Aber auch andere Ideen sind so gewachsen: eine Valentinsführung, eine Frauenführung, neue winterliche Formate, und weitere sind gerade in Planung. Sie alle beginnen mit einer Idee, mit welcher der eigentliche Prozess beginnt.
2. Zwischen Wissenschaft und Erzählen
Ich sehe Geschichte nicht als akademische Disziplin, die nur einer kleinen Gruppe zugänglich ist. Als Historikerin habe ich natürlich ein wissenschaftliches Fundament, arbeite mit Quellen und bin auch sehr gründlich in der Recherche. Aber mein Ziel ist es, Geschichte so zu vermitteln, dass sie für alle zugänglich wird.
In Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Menschen – Jugendlichen, Handwerkern, Familien, Touristinnen – erlebe ich immer wieder: Geschichte interessiert viele, oft wissen sie nur nicht, wie sie den Zugang finden sollen. Genau diesen Zugang möchte ich ermöglichen. Deshalb lege ich großen Wert darauf, verständlich, lebendig und nah an den Menschen zu erzählen – aber nie oberflächlich.
Mich persönlich haben immer besonders die Kultur- und Mentalitätsgeschichte, Religionsgeschichte, Mythen, Bräuche, alte Kulte und Sagenwelten interessiert. Und genau diese Themen fließen oft stark in meine Führungen ein.

3. Vom Skript zum Spickzettel
Der Weg von der Idee zur fertigen Führung beginnt für mich immer schriftlich. Ich schreibe einen ausführlichen Text, in das ich Quellen einarbeite und entwickle einen roten Faden. Danach kürze ich den Text zu einem skriptartigen Konzept, das alle wichtigen Punkte enthält, aber bereits erzählbar ist. Im letzten Schritt entsteht ein Spickzettel, der nur noch die wichtigsten Stichworte enthält. Obwohl ich ihn nie brauche, geben mir die kleinen Informationen in meiner Tasche eine gewisse Sicherheit - vor allem bei Führungspremieren.
Danach begeben ich mich mit diesem Konzept hinaus in die Stadt. Ich gehe die Route mehrmals ab, wobei ich auf Wege, Blickachsen und den Zeitrahmen achte. Ich frage mich: Ist die Route rund? Wie lange dauert sie? Wo passt welche Geschichte? Danach überarbeite ich das Konzept erneut.
Ich führe die Tour meistens zunächst im Freundeskreis oder mit Testgruppen durch, was mir meistens noch zusätzliche Impulse gibt.
4. Warum sich Führungen weiterentwickeln
Keine Führung bleibt so, wie sie am Anfang war. Stadtführungen entwickeln heißt auch, dass ich mir merke, welche Fragen besonders oft gestellt werden, worauf meine Gäste reagieren und wo sie eher abschweifen. Ich spüre bei jeder Gruppe sehr genau, wo das Interesse liegt. So baue ich manche Passagen aus, andere kürze ich oder lasse sie ganz weg. Meine Führungen entwickeln sich weiter und wachsen mit den Menschen, die sie erleben.

5. Atmosphäre als Teil der Vermittlung
Zur Führungsvorbereitung gehört auch das Äußere. Besonders bei Themenführungen überlege ich mir genau, wie ich mich kleide. Für die Halloween-Führung habe ich zum Beispiel ein schwarzes historisch wirkendes Kostüm zusammengestellt, das eine geheimnisvolle Atmosphäre schafft. Auch Frisur und Make-up überlege ich mir – das alles ist Teil der Inszenierung und diese ist für mich essentiell.

Außerdem braucht es Bilder für die Bewerbung, Texte für die Website und Newsletter und Content für die Social-Media-Plattformen. Hinter einer Führung steckt sehr viel Arbeit, oft über Wochen oder Monate.
Dabei bin ich nie alleine: Ich bespreche Ideen mit Fachkolleginnen und Kollegen, frage bei Bibliothekaren nach spezieller Literatur, bitte Freundinnen um Feedback. Mein Partner hilft mir bei der praktischen Umsetzung – ob beim Organisieren der Requisiten, dem Transport der Laternen, beim Herrichten der Feuerschale oder beim Empfang der Gäste bei großen Gruppen. All das ist für mich Teil von Wortkultur und ich bin sehr dankbar für dieses Netz an Unterstützung.
6. Wenn alles stimmt
Am meisten freue ich mich, wenn mir Gäste nach einer Führung sagen: „Man hat Ihre Leidenschaft gespürt.“ Oder: „Sie haben das so bildhaft und spannend erzählt.“ Wenn Menschen sagen, dass sie ganz in die Geschichte eingetaucht sind, dann weiß ich, dass es gelungen ist und sich die Arbeit gelohnt hat.
Ich bin übrigens bei der Premiere jeder neuen Führung sehr aufgeregt. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst. Ich will, dass der Ablauf stimmt und alles so funktioniert, wie ich es geplant habe. Und doch weiß ich: Auch diese Führung wird sich weiterentwickeln. Jede Führung ist ein Anfang.

7. Stadtführungen entwickeln – Einladung zum Weiterdenken
Ich freue mich, wenn dieser Blick hinter die Kulissen für dich spannend war. Vielleicht hast du ja Lust bekommen, eine meiner Führungen zu besuchen – oder du hast Ideen, welche Themen dich interessieren würden.
Was müsste eine Führung für dich haben, damit du sagst: Das möchte ich unbedingt erleben?
Welche historischen Themen oder Fragen würdest du dir wünschen?
Schreib mir gerne – ich bin gespannt auf deine Gedanken!
8. Über die Autorin
Carmen Heller ist Historikerin und Gründerin von Wortkultur. Sie lebt in Friesach und arbeitet als Fremdenführerin und Kulturvermittlerin. In ihren Führungen und Texten verbindet sie historische Recherche mit einem Blick für die kleinen Geschichten am Wegesrand. Ihr Schwerpunkt liegt auf der regionalen Geschichte Kärntens, besonders auf dem Mittelalter und der Alltagskultur.

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