• Carmen Heller

Flanieren in Althofens Altstadt

Aktualisiert: Nov 12

Die langersehnte Reise in exotische Gefilde fällt heuer leider aus. Wann, wenn nicht jetzt, ist also ein besserer Zeitpunkt, um die eigene Heimat aus neuen Blickwinkeln zu betrachten? Eine Einladung zum Flanieren in der schmucken Altstadt von Althofen.


Skyline von Althofen

Die Hektik des Alltags war zum Stillstand gekommen. Am Himmel keine Spur vom weißen Zickzack, das die Flugzeuge normalerweise auf ihren Wegen von Nord nach Süd und von Ost nach West ins Blaue malen. Im Lockdown zurückgeworfen auf mich selbst, offenbarte sich mir in einer Stunde des Sinnierens über die zerronnenen Projekte des heurigen Jahres ein wunderbarer Gedanke: Dass ich nun Zeit habe, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Nach dem Motto „Bekanntes neu entdecken“ mache ich auf zu einem kulturellen Streifzug in der Altstadt von Althofen. Ich habe allen Grund zum Stauen, denn in der heute noch bewohnten Bergsiedlung verbergen sich unzählige Kleinode.



Altstadt mit mediterranem Flair


Gesäumt von Bergen auf einem weithin sichtbaren Hügel über dem Krappfeld liegt der historische Ortskern von Althofen. Mit seinen verwinkelten Gassen, mittelalterlichen Gebäuden, schmucken Häuserfassaden und einladenden Plätzen versprüht das Städtchen mediterranen Flair. An einem lauen Sommerabend könnte man fast meinen, man befände sich in der Toskana. Ein guter Grund, um sich mit einem Glas Wein auf die Terrasse eines der gemütlichen Lokale zu setzen und die Stimmung zu genießen. Aber zuerst möchte ich durch die Geschichte dieses besonderen Ortes wandern.



Geschichte erleben


Althofen ist die einzige befestigte Höhensiedlung ihrer Art in Österreich. Meist thront die Burg auf erhöhtem Platz, während sich die Siedlung - wie in Salzburg oder Friesach - zu ihren Füßen ausbreitet. Anders in Althofen, denn dort errichtete man am Beginn des 14. Jahrhunderts auf dem Höhenrücken eine in sich geschlossene Befestigungsanlage, deren Überreste noch heute sichtbar sind. Vorher lag der Markt im unteren Teil des heutigen Ortes.

Althofen, das erstmals urkundlich 1041 als Altanhouun erwähnt wird, erhielt in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts das Marktrecht und war zu dieser Zeit ein bedeutender Handelsplatz. Der Ort galt als Hauptumschlagplatz für Eisen aus der Region um Hüttenberg. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entwickelte sich der Markt Althofen zu einem der wichtigsten Wirtschaftszentren im mittelalterlichen und neuzeitlichen Kärnten.



'Annenturm'


Der sogenannte 'Annenturm' gilt als weithin sichtbares Wahrzeichen von Althofen und prägt die Skyline der Höhensiedlung. Es handelt sich dabei um einen Bergfried, der am Ende des 13. Jahrhunderts erbaut wurde. Der Turm mit quadratischem Grundriss umfasst bei einer Höhe von 14 Metern vier Geschosse und weist einen charakteristischen Hocheinstieg im zweiten Stock auf. Ursprünglich stand der Bergfried nicht im befestigten Marktverband, sondern als Vorwerk isoliert am Südhang der Siedlung.


Blick auf den mächtigen Bergfried

Der hölzerne Aufbau des 'Annenturmes' ist natürlich nicht mittelalterlich, sondern stammt aus den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Das tut dem historischen Erscheinungsbild des 'Annenturms' jedoch keinen Abbruch, denn alle mittelalterliche Wohn- und Wehrtürme besaßen in ihrer Zeit tatsächlich einen Umgang aus Holz.



Ehemalige Burg - neues Schloss


Althofen kam 953 n. Chr. durch eine Schenkung König Ottos I. in den Besitz des Salzburger Erzbistums. Infolge des wirtschaftlichen Aufstiegs von Althofen im 14. Jahrhundert strebten die Salzburger Erzbischöfe nach einer baulichen Demonstration ihrer Macht: Als die Siedlung auf den Thomasberg verlegt wurde, ließen die Kirchenfürsten auch die Burg ausbauen.



Vermutlich folgt dessen Südfassade dem Mauerzug der hochmittelalterlichen Burg. Das Schloss besteht aus einer Häusergruppe südlich der Kirche, nämlich dem Haus Nr. 1 (im Kern gotisch), Haus Nr. 2 (im Kern 13./14. Jahrhundert) und dem Haus Nr. 3 (ehemaliger Pfarrhof). Die Süd- und Ostfassaden wurden im 19. Jahrhundert dem damaligen Zeitgeist entsprechend umgestaltet. Wir können heute von Glück reden, dass die moderne Denkmalpflege die bestmögliche Bewahrung alter Bausubstanz im Sinn hat und Gebäude oder Kunstwerke vor verändernden Eingriffen schützt. Vom Schlossplatz aus bietet sich ein schönes Bild auf die nordöstlich davon liegende Kirche, das Auer-von-Welsbach-Museum und auf die Fronfeste am Nordrand des oberen Marktes.




Hornturm


Ein beliebter Aussichtspunkt ist der Hornturm, welcher rund 300 Meter südlich des Schlosses liegt und damals als wehrhaftes Vorwerk diente. Heute zeigt sich der denkmalgeschützte Bau mit einem aufgesetzten Zinnenkranz.


Hornturm

Vom Hornturm aus lässt sich ein wunderbarer Waldspaziergang entlang des alten Pestweges bis zum Schloss Töscheldorf unternehmen.



Fronfeste


Die Fronfeste, ein malerisch wirkender Bau aus unverputztem Bruchsteinmauerwerk liegt am nördlichen Rand des Oberen Marktes. Sie wurde im 15. Jahrhundert zur Verstärkung der Burg errichtet. Bis zum 17. Jahrhundert erhob sich auf dem Platz der Fronfeste höchstwahrscheinlich ein weiterer Bergfried, von dem heute aber keine Überreste mehr erhalten sind. Im Osten zieht eine Mauer den Hang bis zum einem in Resten bestehenden Eckturm hinunter. Westlich der Fronfeste muss man sich wohl ein Tor vorstellen, das einst den nördlichen Zugang zum Markt sicherte.



Die Fronfeste wirkt heute durch viele liebevolle Details wie alte Gerätschaften und Blumenschmuck sehr einladend. Tatsächlich wurde sie vor einigen Jahren zu Wohnzwecken adaptiert und erfährt nun regelmäßige Pflege durch Anrainer.



Pfarrkirche Heiliger Thomas von Canterbury


Im Nordteil des Oberen Marktes liegt die Pfarrkirche von Althofen. Sie ist die einzige Kirche Kärntens, die dem Heiligen Thomas Becket von Canterbury geweiht ist. Der Bau wurde um 1400 im gotischen Stil errichtet, allerdings erwähnen historische Quellen bereits im Jahre 1307 eine Vorgängerkirche am Thomasberg. Gotisierende Renovierungsmaßnahmen am Beginn des 20. Jahrhunderts veränderten das innere und äußere Erscheinungsbild der Pfarrkirche maßgeblich.


Das Äußere der Kirche ist geprägt von einem mächtigen gotischen Südturm. An der Nordseite des Langhauses befinden sich Kapellenanbauten und ein kleiner schlanker Turm mit gotischen Zwillingsfenstern und Pyramidendach. Das Westportal ist gotisch. Die gemalte Pietà (=Schmerzensmutter mit dem Leichnam Jesu) im Türsturz am Kircheneingang stammt aus der Zeit der Renovierung 1884.



Die barocken Altäre im Innenraum der Kirche ließ man ebenfalls im 20. Jahrhundert durch neugotische ersetzen. In der Mittelnische des Hochaltars findet sich die Statue des Heiligen Thomas von Canterbury. Zur originalen barocken Ausstattung zählen die Kanzel aus dem Jahr 1760 sowie die die vier weiß gefassten Konsolenfiguren unter Baldachinen im Chor, welche männliche Heilige darstellen.


Auf die vielen kunsthistorischen Details der Kirche einzugehen, wäre ein schier endloses Unterfangen, zumal ich mich persönlich ohnehin mehr für die ältere Vergangenheit interessiere. Deshalb begebe ich mich auf die Suche nach römischen Spuren in der Geschichte Althofens.



Spuren der Römer


An der Außenseite der Pfarrkirche und in der Kirchenhofmauer befinden sich einige Römersteine, die von der antiken Besiedelung des Ortes zeugen. Das ist keine Besonderheit, denn fast jede mittelalterliche Kirche birgt sogenannte Spolien (=wiederverwendete Werkstücke aus älteren Gebäuden). Die Verwendung von Spolien kann neben einem gestalterischen Nutzen auch symbolische Bedeutung haben.



Am nordwestlichen Portalstrebepfeiler der Kirche befindet sich die Grabinschrift des Publius Aelius Tertullus und seiner Frau Maximia Secunda, welche aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammt. Begleitet wird dieser Römerstein seitlich im Relief von je einer nackten Figur. Hierbei haben wir es höchstwahrscheinlich mit einem männlichen Satyr und einer weiblichen Mänade (oder auch zwei weiblichen Figuren?) zu tun. Beide Wesen treten in der griechischen Mythologie als Begleiter des Gottes Dionysos (=Gott des Weines und der Fruchtbarkeit) auf. An der Nordseite der Kirche befindet sich ein weiterer römischer Grabstein.



Salzburgerplatz


Für mich das Herzstück der schmucken Altstadt ist der Salzburgerplatz mit der Pestsäule und dem Gnomenbrunnen. Im Sommer plätschert darin frisch-fröhlich das Wasser - eine Einladung zu einer erquickenden Pause. Dafür setze ich mich auf die Terrasse des urigen Gasthofes "Zur Post", wo mich die freundliche Wirtin Lisi herzlich empfängt. Anstatt des Weines für das Althofener-Toskana-Feeling bestelle bei ihr ein kühles Guinness vom Fass, das man ansonsten in keiner Gaststätte der näheren Umgebung bekommt. Ich lasse mir das Bier schmecken und blättere währenddessen in meinem Dehio-Kunstreiseführer für Kärnten, um Informationen über die Sehenswürdigkeiten am Salzburgerplatz zu erhalten.



Interessant finde ich jedenfalls den Brunnen mit den Figuren der Bergknappen, der als Gnomenbrunnen bezeichnet wird. Er ziert den Platz und gibt Zeugnis von der einstigen Bedeutung Althofens als wichtigster Eisenhandelsplatz Kärntens. Schon im 10. Jahrhundert war der Ort der ausschließliche Markt- und Stapelplatz für das Eisen aus Hüttenberg. Am Ende des 14. Jahrhunderts erhielt auch St. Veit das Niederlagsrecht für Hüttenberger-Eisen, woraufhin Althofen langsam seine führende wirtschaftliche Stellung einbüßte. Die Komödiantin und Operettensängerin Anna Grobecker ließ den Brunnen zu Ehren der Bergknappen im Jahr 1880 von Josef Messner errichten.



Die marmorne Pest- oder Dreifaltigkeitssäule am Salzburgerplatz erinnert an jene Zeiten, als der "Schwarze Tod" den Markt heimsuchte. In einer Nische im Sockel ist die Figur der 'Pestheiligen' Rosalia eingelassen. Im 17. Jahrhundert wütete in Althofen die Pest, 1625 kam es zu einem Ausbruch der Seuche im Markt. Bei einer neuerlichen Epidemie 1680 verschonte der "Schwarze Tod" Althofen, woraufhin die Bürger aus Dankbarkeit zwei Jahre später die Pestsäule stifteten.




'Riederhaus' mit bedeutendem Sgraffito


In Althofen reiht sich ein Schmuckstück an das andere. Vom Salzburgerplatz aus blicke ich auf die auffallende Fassade eines Bauwerks, das unter der Bevölkerung als 'Riederhaus' bekannt ist. Das Haus stammt aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und ist mit einem wunderschönen Sgraffito-Fries aus dem Jahr 1590 geschmückt. Eine echte Perle, denn das Riederhaus (Nr. 15) zählt mit seinem Sgraffito zu den bedeutendsten Beispielen dieses Kunststils in Kärnten.


Die Sgraffito-Technik wird auch als Kratzputz bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Form der Wandmalerei, bei der man auf einem getrockneten farbigen Putzuntergrund eine zweite Putzschicht aufträgt. Solange diese noch feucht ist, kratzt man bis auf den Putzgrund die Zeichnung, sodass eine zweifarbige, reliefartige Wirkung entsteht.



Am Althofener Sgraffito-Fries sind die neun Musen und die Taten des Herkules zu sehen, sowie ornamental-architektonische Elemente. Dieses Bildprogramm weist auf die humanistisch gebildete Oberschicht der Spätrenaissance hin.



Bürgerliches Wohnen in Althofen


Die Häuser in der Altstadt von Althofen erzählen die Geschichte ihrer bürgerlichen Bewohner, welche durch die wirtschaftliche Blüte des Marktes zu Wohlstand gekommen waren. Die meisten Gebäude sind im Kern mittelalterlich, lassen aber Fassaden späterer Jahrhunderte, wie z. B. aus der Biedermeierzeit erkennen.



Ich streife auf meinem Rundgang einige Gebäude, die mir besonders ins Auge fallen. Entzückend wirkt auf mich das Haus Nr. 5, bei dem eine Freitreppe zum hochgelegenen Haustor führt. Über diesem befindet sich ein Steinwappen und seitlich angebracht die Jahreszahl 1540. Ostseitig gegenüber befindet sich Haus Nr. 6, ein mittelalterlicher Bau, gleichfalls mit offenem Stiegenaufgang.



Erfindergeist


Althofen ist auch bekannt als Heimat des berühmten Chemikers und Unternehmers Carl Auer von Welsbach. Er gilt als Erfinder des Glühstrumpfs im Gaslicht, der Metallfadenlampe und des Zündsteins.



Von Welsbach gründete auch die Treibacher Industrie AG, die ihren Firmensitz noch heute im Ort Treibach in der Stadtgemeinde Althofen hat. Im Auer-von-Welsbach-Museum, zwischen Kirche und Fronfeste gelegen, können sich Besucher mit dem Wirken dieses bedeutenden österreichischen Wissenschaftlers auseinandersetzen. Ich besuche das Museum ebenfalls, zumal ich mit der #kärntencard freien Eintritt genieße.



Prechtlhof


Der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. Die Sonne wirft ihre sanften Strahlen auf die Altstadt und taucht die Szenerie in einer warmes Licht. Zeit, um mir ein gutes Glas Wein zu gönnen. Im gemütlichen Gasthof Prechtlhof lasse ich den Tag ausklingen und schmiede Pläne für meine nächste Kulturwanderung.



Über mich

Ich bin die Inhaberin des Unternehmens und der Website Wortkultur. Als Expertin für Kultur und Bildung stehe ich Ihnen für die Erstellungen von Texten und Konzepten zu Verfügung. Meine Schwerpunkte sind Content Marketing und Kulturvermittlung. Auf meiner Website gibt es auch einen Blog, auf dem ich regelmäßig Reiseberichte und Aktuelles aus der Branche veröffentliche.

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