Fastenzeit ohne Verzicht
- Carmen Heller

- vor 7 Tagen
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Warum es in der Fastenzeit nicht um Entbehrung geht, sondern um Haltung, Wertschätzung und bewusste Entscheidungen

Wenn die Fastenzeit beginnt, stecke ich mir zuerst jene profanen Ziele, die wohl viele haben: weniger Süßes, keine Knabbereien, reduzierter Alkoholkonsum, insgesamter weniger essen. Alles mit Maß und Ziel.
Die guten Vorsätze
In den ersten Tagen ist die Motivation noch groß, mit Hochmut blicke ich auf die Chips-Packung "Partyspaß XXL" hinab, die mich aus dem Supermarktregal anlacht. Ihr könnt mir nichts. Der Einkaufswagen ist voll mit gesunden Lebensmitteln, Bio-Kräutertee statt edle Traubenlese. Aber bald geraten meine hehren Vorsätze ins Wanken. Ein Keks hier, ein Glas dort, Steak statt Bulgur-Laibchen. Dann kommen sie, diese Selbstzweifel. Jetzt hast du eh schon „gesündigt“, nun ist es auch schon egal. Sünde, ehrlich jetzt? Sind die guten Dinge des Lebens wirklich Sünde? Ist es ein charakterlicher Mangel, wenn ich nicht verzichten will?
Verzicht oder Haltung?
Ja, ich stehe dazu, ich will nicht verzichten! Denn Verzicht bedeutet für mich etwas Negatives, etwas das ich nicht tun darf oder nicht will. Verzicht ist Entbehrung und Zwang. Etwas, das ich mir untersage, eine Form der Selbstbeschränkung, fast eine kleine Bußübung.
Deshalb habe ich mich dafür entschieden, bestimmte Dinge bewusster zu tun, zu achten, worauf ich meinen Blick richte.
Die Kunst des Wesentlichen
Ein Jahr in Südamerika mit dem Motorrad hat mir das sehr deutlich gezeigt. Man nimmt wenig mit. Wirklich sehr wenig. Diese eine Hose, dieses eine T-Shirt, sie haben mich durch mehrere Monate und zahlreiche Klimazonen begleitet.
Ich hätte mich ständig darauf konzentrieren können, was mir fehlt. Das gute Merinowolle Leiberl um knappe hundert Euro, das schön gefaltet zuhause im Kasten liegt. Oder die Pflege vom Frisör meines Vertrauens, ohne die meine Haarpracht bald stumpf und glanzlos aussehen würde.
Ich entschied mich hingegen für die Konzentration auf das Wesentliche. Was brauche ich? Was macht mich glücklich?
Ich weiß nun: Ohne Wertschätzung macht auch Besitz nicht zufrieden. Wenn ich die eine Hose nicht wertschätze, wird mich auch die zweite oder dritte nicht glücklicher machen.
Fasten bedeutet für mich heute deshalb: Die eigene Haltung prüfen. Gewohnheiten in Frage stellen. Neu gewichten. Und dankbar sein für das, was längst da ist.
Über die Autorin
Carmen Heller ist Historikerin und Gründerin von Wortkultur. In ihren Stadtführungen, Vorträgen und Texten verbindet sie kulturgeschichtliches Wissen mit persönlicher Perspektive. Ein Jahr mit dem Motorrad durch Südamerika hat ihren Blick auf das Wesentliche geschärft. Heute erzählt sie Geschichte mit Leidenschaft und Haltung.

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