• Carmen Heller

Archäologen legen römisches Heiligtum in Knappenberg frei

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Eine ungewöhnlicher Ort, ein bemerkenswerter Fund und eine Geschichte, wie aus einem Abenteuerroman. Vor einem Jahr entdeckte ein Anwohner in einem Waldstück mitten im Hüttenberger Erzrevier durch Zufall einen römischen Inschriftenstein. Doch dieser war nur ein Puzzlestück eines dort verborgenen römischen Tempels. Archäologen sind nun dabei, das historische Rätsel von Knappenberg zu lüften.


Auf einem seiner täglichen Spaziergänge durch den Wald fällt einem Anwohner in Knappenberg ein mächtiger Wurzelstock auf, der senkrecht aus der Erde ragt. An sich nichts Ungewöhnliches, doch der Pensionist weiß sofort: Hier ist etwas anders! "Ich fühlte mich zu der Stelle hingezogen, weil mein Großvater mir als Kind oft erzählte, dass unter jedem Baum ein Schatz verborgen liege. Da sah ich auch schon eine weiße Steinplatte hervorleuchten und augenblicklich begann ich innerlich vor Aufregung zu beben", erzählt der glücklich Finder. Er war tatsächlich durch reinen Zufall auf einen römischen Inschriftenstein mitten in der Natur gestoßen.

"Ein Fund, wie es ihn nur sehr selten gibt", sind die Experten überzeugt.
Grabungsleiter Dr. Georg Tiefengraber (Foto: Carmen Heller)

"Die Fundumstände und auch der Fundort sind äußerst bemerkenswert", sagt Archäologe Dr. Georg Tiefengraber, der die Ausgrabungen in Knappenberg leitet. Nach ersten Untersuchungen im Herbst 2019 konnten er und sein Team vom archäologischen Verein ISBE im Auftrag des Bundesdenkmalamtes heuer die verstürzten Überreste eines römischen Heiligtums freilegen. "Aufgrund der Tatsache, dass wir letztes Jahr neben dem Inschriftenstein mit der Weihung für zwei Gottheiten mit einheimisch-keltischen Namen auch einen kleinen Altar, Keramikbruchstücke, Münzen sowie die verputzte Ecke eines größeren Gebäudes entdeckt haben, sind wir bereits von einem antiken Tempelbezirk ausgegangen. Diese Annahme hat sich nun bestätigt", so Tiefengraber erfreut.


2 x 2 Meter großer Grabungsschnitt im Spätherbst 2019 (Foto: ISBE)

Doch nicht nur das, die Erwartungen der Archäologen wurden sogar noch übertroffen. Tiefengraber: "Wir haben mit dem Fund in Knappenberg ein bisher unvergleichbares Beispiel eines Berg- bzw. Wegeheiligtums vorliegen, welches mit dem Hüttenberger Bergbau in Verbindung steht. Für ein Bergheiligtum spricht auch die Nähe des Fundorts zu einem antiken Wegenetz vom Lavanttal ins Görtschitztal."


"Wir haben mit dem Fund in Knappenberg ein bisher unvergleichbares Beispiel eines Berg- bzw. Wegeheiligtums des 1. bis 4. Jh. v. Chr. vorliegen, welches mit dem Hüttenberger Bergbau in Verbindung steht."

Grabungsleiter Dr. Georg Tiefengraber erläutert in dem Video, was es mit dem außergewöhnlichen Fund von Knappenberg auf sich hat. (Film: Carmen Heller)


Beachtung verdient in diesem Zusammenhang ein Weihealtar für Jupiter, der 1962 bei Bauarbeiten im Bereich der Relaisstation auf der Koralm in Kärnten gefunden wurde. Auch wenn man bis heute nur die Weihinschrift kennt, ist es wahrscheinlich, dass sich dort zur Römerzeit ein Bergheiligtum befand. In der Römerzeit wurden neben Flüssen oder Quellen auch Berge und Gebirge göttlich verehrt, darunter die 'Alpen'. "Die interpretatio romana macht [...] deutlich, dass sich dahinter offenbar noch im Vorrömischen wurzelnde Wetter-, Himmels- und/oder Berggottheiten verbergen." (Vgl. Paul Gleirscher (2015): Heilige Berge und Berggötter. Eine archäologische Spurensuche in den Alpen mit Ausblicken in den ostmediterranen Raum - Rudolfinum - Jahrbuch des Landesmuseums für Kärnten - 2015, 27-59 = PDF)


Diese Annahme trifft auch im Falle der Gottheiten von Knappenberg zu, denn sie tragen keine römischen, sondern einheimisch-keltische Namen. Tiefengraber: "Die eine Gottheit wird als CIRVANC genannt (also ein Cirvanco oder Cirvancu), die zweite als ARMIB. Dies könnte als Armibo (männlich) oder Armiba (weiblich) aufzulösen sein. In allen Varianten sind die beiden Gottheiten bislang unbekannt. Möglicherweise nennt auch der neben dem Inschriftenstein gefundene Weihealtar in der ersten Zeile ebenfalls den Namen Cirvanc oder Ähnliches. Da die Inschrift des Altars sehr stark verwittert ist, versuchte ein Experte in Graz mit 3D-Scans und spezieller Ausleuchtung die Buchstaben zu entziffern.

"Die auf dem Inschriftenstein genannten einheimisch-keltischen Gottheiten sind in allen Varianten bislang unbekannt."

Inschriftenstein und Altar

Deutlich zu lesen sind die Götternamen CIRVANC ET ARMIB sowie die Stifterinschrift eines Caius Iulius Dion in der 3. Zeile. V S steht für votum solvit = er/sie löste das Gelübde ein (Fotos: ISBE)


Die Funde der heurige Grabung geben zudem Aufschluss über Aussehen und zeitliche Nutzung des Heiligtums. Tiefengraber: "Wir fanden die Reste zweier direkt nebeneinanderliegender Tempelgebäude. Außen herum führte eine massive Umfassungsmauer. Hierbei könnte man an einen gallo-römischen Umgangstempel denken, wobei das zweite, direkt angebaute Gebäude diese Theorie stört. Wahrscheinlich wurden die Gottheiten, die der Inschriftenstein nennt, jeweils in einem der beiden Tempel verehrt. Ein marmornes (Füllhorn?)Fragment, welches wir ebenfalls bargen, gehört vermutlich zu einer Götterstatue, die einst im Tempel platziert war.


Archäologen erforschen das römische Heiligtum (Foto: Carmen Heller)

Bei der Datierung des Baukomplexes helfen über achtzig gefundene Münzen: "Sie stammen aus dem 1. bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert. Das Heiligtum dürfte in diesem Zeitraum bestanden haben und wurde dann aufgelassen oder zerstört. Unter den antiken Münzen waren auch zwei keltische Kleinsilbermünzen. Was dies für die zeitliche Nutzung des Tempels bedeutet, müssen wir erst klären."

"Wir vermuten einen Vorgängerbau des Tempels. Sicher ist die nachantike Nutzung der Anlage."

Interessant ist auch die Fundsituation auf der markanten Kuppe, die direkt oberhalb des Tempels liegt. Tiefengraber: "Wir sind davon ausgegangen, dass sich auf dieser höchsten und somit prominentesten Stelle des Geländes ebenfalls Spuren finden lassen, die mit dem Tempelbezirk in Verbindung stehen. Bei einem ersten Grabungsschnitt haben wir zwar keine antiken Gebäudereste gefunden, dafür aber Hinweise auf einen möglichen Vorgängertempelbau aus prähistorischer Zeit."


Geländeuntersuchung auf der Kuppe (Fotos: Carmen Heller)


Sicher sei laut den Experten auch eine nachantike Nutzung des Platzes. "In einer späteren Phase wurde hier offenbar Eisen verhüttet. Wir fanden Gruben mit großen Mengen an Schlacken samt Holzkohlestücken, aber auch Tondüsen- und Ofenwandungsfragmente sowie Eisenluppen", erläutert Tiefengraber. Die Archäologen vermuten, dass jene Überreste aus der Spätantike bzw. dem frühen Mittelalter stammen. "Wenn die Laborergebnisse der C-14-Datierung (Radiocarbonmethode) unsere Hypothesen bestätigen, ist erstmals die Kontinuität des Eisenerzabbaus in Hüttenberg von der Antike bis ins Mittelalter nachgewiesen, denn kaiserzeitliche Nachweise gibt es an der Fundstelle Semlach/Eisner in Hüttenberg.

"Diese Grabung könnte den Beweis liefern, dass in Hüttenberg von der Antike bis ins Mittelalter Eisen abgebaut und verhüttet wurde."

In der Römerzeit wurde das norische Eisen - das sogenannte ferrum noricum - für seine besondere Qualität und stahlähnliche Härte im ganzen Imperium geschätzt. Es waren jedoch nicht die Römer, die das Bergbaurevier um Hüttenberg erschlossen haben, sondern die Kelten. Sie begründeten mit ihrer hoch entwickelten Technik der Eisengewinnung und vor allem der Eisenverarbeitung den Ruf des norischen "Stahls".


Das römisches Heiligtum steht im Zusammenhang mit Hüttenberger Bergbau. (Foto: Carmen Heller)

Charakteristisch für ein römisches Heiligtum ist, dass im Boden materielle Überreste von Opferhandlungen erhalten geblieben sind. Tiefengraber: "Keramik- und Glasscherben zeugen von Trankopfern. Aber auch andere Weihegaben, wie eine eine Bronzefibel, zwei große Bergkristalle und die Münzen wurden den Göttern in Knappenberg geopfert."


Soll der Tempel obertägig erhalten bleiben, braucht es ein Konservierungskonzept. (Foto: Carmen Heller)

Der Tempel soll in Zukunft auf Wunsch des Grundeigentümers obertägig erhalten bleiben, wofür man sich ein entsprechendes Konservierungskonzept überlegen müsse. Für nächstes Jahr ist laut Tiefengraber auf jeden Fall eine Fortsetzung der Grabungen geplant: "Wir wollen großflächige Bodenradarmessungen durchführen, um Hinweise auf weitere Steingebäude zu erhalten, ohne dass man den Spaten ansetzen muss."


Über mich

Ich bin die Inhaberin des Unternehmens und der Website Wortkultur. Als Expertin für Kultur und Bildung stehe ich Ihnen für die Erstellungen von Texten und Konzepten zu Verfügung. Meine Schwerpunkte sind Content Marketing und Kulturvermittlung. Auf meiner Website gibt es auch einen Blog, auf dem ich regelmäßig Reiseberichte und Aktuelles aus der Branche veröffentliche.

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